40. Filmfest MÜnchen

Das Filmfest München ist ein Publikumsfestival in der sommerlich entspannten bayerischen Metropole, einst Zentrum der deutschen Filmproduktion, eine Rolle, die heute weitgehend Berlin übernommen hat. 130 Premieren aus 56 Ländern, 45 Weltpremieren, 17 Cannes-Titel direkt an die Isar, zwölf Spielstätten quer durch München. Die Menge an Filmen, Veranstaltungen und Empfehlungen kann überwältigen. Wir sind auch dabei und teilen vorab unsere persönlichen Empfehlungen.

Die Großen

Zum absoluten Highlight des Festivals gehört das persönliche Erscheinen des spanischen Maestro Pedro Almodóvar. Almodóvar ist einer der wenigen Regisseure, dem Cannes erlaubt, mit einem bereits gestarteten Film in den Wettbewerb zu gehen. Nach München kommt er mit Amarga Navidad (Bitter Christmas), im März in Spanien gestartet und im Mai in Cannes uraufgeführt. Die Handlung folgt Raúl, einem Drehbuchautor in Schreibblockade, der heimlich das Leben seiner langjährigen Assistentin Monica als Rohstoff benutzt. Das Reale und das Ausgedachte mischen sich untrennbar, aber in beiden Geschichten geht es vor allem um einen Typ: den kreativen Vampir, der die Schmerzen anderer aufsaugt und daraus Fiktion destilliert. Almodóvar weiß das von sich selbst. Was den Film etwas widersprüchlich macht, ist seine Egozentrik: Migräne wird zur Katastrophe, Drogen zum Alltag, Tränen bei jedem Lied. Die Figuren so tief in ihre eigenen Gefühle versunken, dass die Welt außerhalb ihrer eleganten Madrider Wohnungen und schicken Häuser auf Lanzarote kaum existiert. Kein Hauptwerk, aber Almodóvar in München ist selten genug. 

Screenshot
Pedro Almodóvar, Amarga Navidad, Film still © Cannes Film Festival

Vaterland (Fatherland) von Paweł Pawlikowski eröffnet die 43-er Ausgabe des Filmfests. Der Film wurde bereits in Cannes gezeigt und prämiert, und das nicht nur wegen seiner Präzision: 82 Minuten, schwarz-weiß, minimalistisch. Im Jahr 1949 kehrt Thomas Mann nach Deutschland zurück, um den Goethe-Preis in Frankfurt und in Weimar, also in West- und Ostdeutschland entgegenzunehmen. Seine Reise in die DDR war für die westliche Welt eine Provokation, ein politisches Signal, als hätte er die DDR legitimiert. Dabei wollte der Schriftsteller an die Goethes Stadt, an die Quelle, und sein Signal war, dass Kultur jenseits politischer Spaltung sein sollte und nicht geteilt werden dürfte. Seine Ehefrau Katia hat ihn damals nach Deutschland begleitet, aber Pawlikowski ersetzt sie bewusst durch die Figur der Tochter Erika, eine Journalistin, Lesbierin, verheiratet mit W.H. Auden in einer Ehe aus Notwendigkeit, und sie hatte geschworen, nie wieder deutschen Boden zu betreten, was sie im wirklichen Leben auch nicht tat. Die Rolle wurde grandios von Sandra Hüller verkörpert. 

Ffm26 Vaterland ©agatagrzybowska
Paweł Pawlikowski, Vaterland © Agata Grzybowska / Filmfest München

Ein toller Film von Paolo Sorrentino, seine sanfte Vorstellung darüber, wie ein Landespräsident sein sollte, La Grazia ist eigentlich schon überall gestartet worden. Aber weil der ausgezeichnete Schauspieler Toni Servillo den CineMerit Award erhält, könnte man den Film wieder auf der Leinwand sehen. Was man nicht über Couture von Alice Winocour unbedingt sagen kann. Unsere Empfehlung ist daher nur für solche, die etwas Neues von Angelina Jolie sehen wollen oder wieder Penélope Cruz. Im Film geht es um die Pariser Mode-Woche. Jolie spielt eine amerikanische Regisseurin, die einen Werbefilm für ein Modehaus dreht und dabei in Gefahr gerät. 

Ffm26 Couture (c)carole Bethuel
Angelina Jolie und Louis Garrel in Couture © Carole Bethuel / Filmfest München

Den Abschluss des Festivals bildet See You When I See You von Jay Duplass, der David Duchovny den CineMerit Award des Festivals überreicht. Duchovny ist mehr als Fox Mulder in Akte X: unvergesslich als Carries Jugendliebe Jeremy in Sex and the City, Golden Globe für Californication, dazu Schriftsteller mit fünf veröffentlichten Romanen und Musiker. Eine Ehrung, die verdient ist. Der Film selbst ist ein warmherziges amerikanisches Indie-Drama über Trauer in einer Familie. Man kommt für Duchovny.

Asiatisches Kino: stark und unbedingt sehenswert

Ryusuke Hamaguchi war dem Filmfest München nicht fremd, als noch kaum jemand seinen Namen kannte: 2016 zeigte das Festival Happy Hour, fünf Stunden über vier Freundinnen in Kobe, damals eine Entdeckung für wenige. Sein neuer Film All of a Sudden (Soudain) ist sein erstes Werk auf Französisch, in dem die Belgierin Virginie Efira als Leiterin eines Pariser Pflegeheims auftritt und die japanische Model und Schauspielerin Tao Okamoto eine Theaterregisseurin mit tödlicher Diagnose verkörpert. Zwei Frauen, die sich finden in dem Wissen, dass die Zeit knapp ist. Fast dreieinhalb Stunden sehen wie eine Lektüre über Freundschaft, Fürsorge, die zerstörerischen Kräfte des Kapitalismus aus. Beide Darstellerinnen wurden in Cannes als beste Schauspielerinnen ausgezeichnet.

Screenshot
Hirokazu Koreeda, Sheep in the Box © Cannes Film Festival

Hirokazu Koreeda bringt mit Sheep in the Box (Hako no naka no hitsuji) einen ungewöhnlichen Science-Fiction-Film. Nach dem Tod des eigenen Sohnes adoptiert ein Architekten-Ehepaar einen humanoiden Roboter, der genauso wie er aussieht und sich gleich verhält. Nur muss er eine Nacht aufgeladen werden und nimmt kein Essen in sich ein. In Asien sieht man KI nicht als Gegenkraft, die langsam die Menschheit erlöst und konfrontiert werden muss. In diesem Teil der Welt kultiviert man eher ein stilles Koexistieren. Der Film mag nicht die Stärke von Koreedas Shoplifters erreichen, ist aber sehenswert und spricht zahlreiche wichtige Themen an, wie über die Beziehung zwischen Eltern und Kindern sowie Menschen und Maschinen, und vor allem darüber, wie wir mit denen umgehen, die uns dienen und sich nicht wehren können. Auch Marina Abramovićs Rhythm 0 kam einem in den Sinn: was Menschen tun, wenn das Gegenüber sich nicht wehrt.

Nur im Festival zu sehen: Was man nicht verpassen darf

Es gibt Filme, die oft nur im Festivalbetrieb zirkulieren, vielleicht irgendwann auf einer Plattform landen, vielleicht auch nicht. Für diese Filme ist das eine Veranstaltung. Transit Times der aus Moldawien stammenden Regisseurin Ana-Felicia Scutelnicu ist der Film dieses Festivals, über den am wenigsten geschrieben wird und der am meisten verdient. Moldawien 1997, sechs Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion. Eine Bühnenbild-Designerin kämpft ums Überleben, ihr Mann verliert sich in Melancholie, die Tochter, begabte Klavierspielerin, steht am Rand des Abgrunds, während Freunde und Nachbarn eines nach dem anderen das Land verlassen. Wer die frühen Neunziger in der ehemaligen Sowjetunion kennt, erkennt diesen stillen, langsamen Zerfall einer Gesellschaft zwischen zwei Welten, das Verschwinden von Werten, die Entstehung neuer Hierarchien aus Gewalt und Opportunismus.

Ffm26 Transit Times (c)javierpalicio Filmreederei Weydemannbros
Ana-Felicia Scutelnicu, Transit Times © Javier Palicio / WeydemannBros / Filmfest München

In ähnlichem Geist, spielt Das geträumte Abenteuer (The Dreamed Adventure) von Valeska Grisebach an der Grenze zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei. Eine Archäologin kehrt in ihre alte Heimat zurück, um Ausgrabungen zu leiten. Tagsüber holt sie Scherben und Münzen aus der Erde, nachts sieht sie die Unterwelt der Stadt, die seit den 90ern vom selben Mafiaboss kontrolliert wird. Ausnahmsweise wird der Film in Deutschland auf die großen Leinwände Ende September kommen, vielleicht dank des Jury-Preises in Cannes.

Mit The Sun Rises on Us All (Ri gua zhong tian) von Cai Shangjun, betrachtet man das Leben und die Menschen im modernen China. Ein Mann opfert sich für eine Frau, übernimmt die Schuld für etwas, was sie getan hat, um ihr nach langem Gefängnisaufenthalt wieder zu begegnen, tödlich krank und mit wenig Zeit zur Verfügung. Die Darstellerin Xin Zhilei wurde dafür beim Filmfestival Venedig 2025 als beste Schauspielerin mit dem Coppa Volpi ausgezeichnet. 

Ffm26 The Sun Rises On Us All (c) Guangzhou Mint Pictures
Cai Shangjun, The Sun rises on us all © GUANGZHOU MINT PICTURES / Filmfest München

Hair, Paper, Water… (Tóc, Giấy Và Nước…) von Truong Minh Quy und Nicolas Graux begleitet eine alte Frau des Rục-Volkes in Zentralvietnam, die ihre Kinder und Enkel in einer sterbenden Sprache unterrichtet, und kehrt mit ihr in die Höhle ihrer Geburt zurück. Auf 16mm gedreht, mit einer Kamera, die selbst nach Familienarchiv klingt. In Locarno wurde der Film ausgezeichnet wohl für die visuelle Qualität, gewisse Zögerlichkeit, die Atemaussetzer, die Momente wo jemand sprechen wollte und nicht wusste wie. Solche Filme sieht man nur im Festival.

Ffm26 Hair, Paper, Water
Hair, Paper, Water…  © Filmfest München

Eleganter, französisch

Wer nach einem emotional zugänglicheren Abend sucht, findet dies in zwei französischen Beiträgen: Arnaud Desplechins Deux Pianos (Two Pianos), eine Geschichte über einen Pianisten, der aus Japan in seine Heimatstadt zurückkehrt und dort seiner alten Liebe begegnet. Die Frau ist inzwischen mit einem anderen verheiratet. Ein anderer Film Gentle Monster von Marie Kreutzer ist darüber, dass man nie wirklich weiß, wen man liebt. Eine Musikerin gespielt von Léa Seydoux erfährt wie ihr Mann des Besitzes von Kinderpornografie verdächtigt wird und schließlich verhaftet. Ihre Mutter wird von Catherine Deneuve verkörpert. 

Deutschsprachiges Kino: Weltpremieren und Fernsehen

Das Filmfest München ist die wichtigste Plattform für das deutsche Kino, und das Programm 2026 spiegelt das wider. Eine der sehenswerten Produktionen von Berliner X-Verleih Lieblingsmenschen (Agnes & Amir) von Helena Hufnagel feiert hier seine Weltpremiere. Darin geht es um eine 101-jährige Berlinerin und einen jungen schwulen Geflüchteten aus dem Iran. Beide werden aus Not Mitbewohner und entwickeln eine große Freundschaft. Ein Publikumsfilm eher als kreatives Experiment, manchmal etwas vorhersehbar, typisch Berlin in seinen Themen, Witzen und natürlich Ansichten auf die deutsche Hauptstadt. Wenn man nicht wüßte, dass dem Film eine wahre Geschichte vorlag, würde man denken, noch ein Film über Berliner Coolness für Besucher von außerhalb. 

Ffm26 Lieblingsmenschen Die Außergewöhliche Freundschaft Von Agnes Und Amir Nordpolaris X Verleih
Lieblingsmenschen (Agnes & Amir) © X-Verleih / Filmfest München

Everytime der österreichischen Regisseurin Sandra Wollner gewann in Cannes den Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard. Eine Familie erleidet schwere Verlust und trauert, auch während eines anschließenden Urlaubs in Spanien. Birgit Minichmayr, bekannt für ihre Rollen in Everyone Else und Das weiße Band, hat meisterhaft die Mutter verkörpert. Wer Filme mag, die nicht erklären, sondern unlogisch emotional vorgehen, sollte diesen Film nicht verpassen. Sehenswert ist auch die visuelle Reihe mit Pausen und Überschneidungen zwischen Realität und Computergame. 

Im Bereich Neues Deutsches Fernsehen lohnt ein Blick auf Die Falsche Tochter, basierend auf einem Drehbuch von Juli Zeh, Deutschlands meistgelesener Gegenwartautorin, sowie auf Eine Nacht in Bangkok des HFF-Absolventen Rainer Kaufmann mit Matthias Brandt, der ebenfalls nach München kommt. Das Filmfest München ist einer der wenigen Orte, an denen Fernsehpremieren mit dem gleichen Respekt behandelt werden wie Kinodebüts.

Weiterführende Besprechungen auf kino-kunst.de:

Happy Hour (Ryusuke Hamaguchi) — https://kino-kunst.de/film/japanische-filme-zwischen-realitaet-und-fantasie/
La Grazia (Paolo Sorrentino) — https://kino-kunst.de/film/venice-film-festival-first-day-paolo-sorrentino-und-mutter-theresa/

×