43. Filmfest MÜnchen

Am 29 Juni wurde Toni Servillo auf dem 43 Filmfest München mit dem CineMerit Award ausgezeichnet. Dieser Preis würdigt herausragende Verdienste um das Kino und kaum jemand hat ihn mehr verdient. Servillo verkörpert das europäische Kino wie erstklassiges, keineswegs kommerzielles Theater, einen rein künstlerischen Weg auf Bühne und Leinwand. Dass die Wahl ausgerechnet auf einen Italiener fiel, passt zu München, einer Stadt, die gern scherzhaft als nördlichste Italiens genannt wird. 

Natürlich verkauft sich Servillo nicht wie Pedro Almodóvar, der in derselben Woche vor 1400 Gästen saß. Und genau das war die Absicht. „Wir sehen München als Zentrum des europäischen Filmschaffens“, sagte Ko-Leiterin Julia Weigl im Vorfeld, nach Jahren, in denen das Festival, wie sie selbst zugibt, eher auf Hollywood ausgerichtet war. Im Rahmen des Festivalprogramms präsentierte er seinen neuesten Film La Grazia, obwohl der Film bereits weltweit und auch am 19. März in Deutschland angelaufen war. Unsere Redaktion hatte den Film im vergangenen August bei den 82. Internationalen Filmfestspielen von Venedig gesehen und dort Servillo getroffen. Zehn Tage später erhielt er die Coppa Volpi als Bester Schauspieler

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Toni Servillo mit Coppa Volpi in Venedig © Andrea Avezzu / La Biennale di Venezia

In Venedig kam er im Anzug zum Interview. Nicht im Sakko über dem T-Shirt, wie es die Branche seit zwanzig Jahren hält, sondern im Anzug, alte Schule, als stünde ein wichtiger Termin bevor. Offenbar war es auch so und wir haben es als besondere Ehre empfunden. Man sitzt einem Mann gegenüber, für den Kleidung noch zum Handwerk gehört, und ahnt schnell, dass er den Beruf mit derselben Ernsthaftigkeit betreibt. Schauspiel als Meisterschaft, nicht als Karriere. Ein europäischer Al Pacino, wenn man will. Nur dass Pacino aus dem Actors Studio kam und Servillo aus einem Oratorium von Caserta.

Der Süden, Musik, Theater

Toni Servillo wuchs in Caserta auf, im Schatten der bourbonischen Residenz. Dabei vergisst man oft, dass er die ersten vier Jahre seines Lebens im Piemont verbracht hat; der musikalische Süden war für ihn also eine bewusste Entscheidung und kein Schicksal. Sein Bruder Peppe blieb der Musik treu und singt bis heute bei der Piccola Orchestra Avion Travel. Toni hingegen zog es zur Bühne.

Er besuchte nie eine Schauspielschule, sondern begann im Salesianer-Oratorium. Im Alter von achtzehn Jahren gründete er zusammen mit Matteo De Simone, Sandro Leggiadro, Riccardo Ragozzino und Nando Taccogna das Teatro Studio in Caserta. 1986 schloss er sich Mario Martones Falso Movimento an; im darauffolgenden Jahr fusionierten Falso Movimento, Antonio Neiwillers Teatro dei Mutamenti und das Teatro Studio zu Teatri Uniti, deren künstlerischer Leiter Servillo bis heute ist.

In vierzig Jahren am Theater stand er mit Klassikern wie Molieres Der Menschenfeind und Tartuffe, Marivaux’ von Molière, Die falschen Vertraulichkeiten, Goldonis Trilogie der Sommerfrische auf der Bühne. Allein die Trilogie brachte er auf 394 Vorstellungen, von Paris bis Moskau, von Berlin bis New York. 1999 gab er sein Debüt als Opernregisseur mit Una cosa rara von Martin y Soler am Teatro La Fenice

Der Umweg über Sorrentino

Es war Martone, der ihn Anfang dreißig zum Film brachte: Morte di un matematico napoletano (1992, Der Tod eines neapolitanischen Mathematikers), dann RasoiTeatro di guerra. Der eigentliche Durchbruch kam erst mit Anfang vierzig, durch Paolo Sorrentino. In L’uomo in più (2001, One Man Up) spielte er einen abstürzenden Schlagersänger Tony Pisapia, und sang dessen Lieder selbst. Drei Jahre später folgte Le conseguenze dell’amore (2004, Die Folgen der Liebe), Sorrentinos Psychothriller über einen einsamen, der Mafia unterworfenen Geschäftsmann, mit dem beide erstmals in Cannes für Aufsehen sorgten.

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Toni Servillo und Paolo Sorrentino in Venedig mit La Grazia © Kalka / La Biennale di Venezia

Im Jahr 2008 folgten zwei Filme: Sorrentinos Il divo und Matteo Garrones Gomorrha. Für beide bekam er den Europäischen Filmpreis als bester Darsteller. Sein Giulio Andreotti in Il divo war eine Karikatur mit hochgezogenen Schultern, abstehenden Ohren und einem dunklen Wesen, das durch die Säle der Macht schwebte und fast nichts sagte. Doch den wahren Erfolg brauchte ihm eine andere Figur – Jep Gambardella, 65-jähriger Journalist und Star der römischen Gesellschaft, in La Grande Bellezza (2013).

In seiner Jugend hatte Jep einen brillanten Roman geschrieben und die Kunst danach gegen ein Leben in Saus und Braus getauscht, ähnlich wie Marcello Rubini in Fellinis La Dolce Vita, um spät zu erkennen, dass der Zugang zu sämtlichen irdischen Genüssen nicht glücklich macht, sondern eine Leere hinterlässt. Zur Ikone wurde er nicht nur durch die Widersprüche der Figur, sondern durch ihren Look: farbige, maßgeschneiderte Sakkos, die stets griffbereite Zigarette, im Rücken ein römischer Palazzo. All das wurde weltweit zum Inbegriff italienischer Eleganz auf der Leinwand. Der Film brachte Sorrentino einen Oscar

Übrigens raucht Servillo auch im wahren Leben gern, Zigarre, und tut es während des Interviews, nur eben vor der Kulisse eines venezianischen statt eines römischen Palazzos. Die Atmosphäre ist beinahe dieselbe. Der Interviewpartner findet sich unversehens in Anmut und Stil des italienischen Lebens wieder.

„Jep ist kein bösartiger Kritiker”, sagt Servillo. „Er ist jemand, der tief enttäuscht ist, weil er die große Schönheit des Lebens überall sucht und nirgendwo findet. Nur Oberflächlichkeit und Formalitäten.” Eine Gesellschaft wie die römische, im Überfluss lebend und längst geistig bankrott. Und der Erfolg der Figur? Vielleicht das Alter, vermutet er. Oder genauer: jener Moment, in dem man ein bestimmtes Alter erreicht und den Verdacht nicht mehr loswird, ein Leben an Nebensächlichkeiten vergeudet zu haben. Offenbar erkennen sich viele darin wieder. Komisch nur, dass Servillo selbst gut zehn Jahre jünger war als der Fünfundsechzigjährige, den er da übernahm.

Natürlich wollen wir auch wissen, warum Servillo dem Theater treu bleibt. „Ich habe das Theater nie als Vorstufe zum Filmerfolg gesehen. Für mich bedeutet die Balance zwischen diesen beiden Dingen, eine starke, konkrete Verbindung zu meinem Beruf zu bewahren. Ich war immer der Überzeugung, dass der Ort, an dem ein Schauspieler, ich wage es kaum zu sagen, körperlich und auf unglaublich intime Weise über den Sinn seines Handwerks reflektieren kann, das Theater ist. Denn das Theater vermittelt Handwerkskunst, und das ist kein Zufall; der Begriff ‘Schauspielkunst‘ ist das genaue Gegenteil von Beruf.“ Seine Antwort bestätigt übrigens den ersten Eindruck von Servillo: ein echter Profi, der Meisterschaft pflegt.

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La Grazia, Film Still © La Biennale di Venezia

Ein Präsident, der zögert

La Grazia ist die siebte Zusammenarbeit mit Sorrentino. Diesmal spielt Servillo einen fiktiven Präsidenten der italienischen Republik, einen ehemaligen Richter, gläubigen Katholiken, und Witwer. Mariano De Santis trennen sechs Monate vom Ruhestand, und auf dem Schreibtisch liegen ein Sterbehilfegesetz und zwei Gnadengesuche, die einander widersprechen. Der Titel La Grazia ist ein Wortspiel, das keine deutsche Übersetzung mitnimmt. Es heißt Gnade und Begnadigung, aber auch Anmut, Würde, Eleganz. Sorrentino hat, aus subjektiver Sicht, das Bild des idealen Politikers entworfen, einen sensibel-intellektuellen Romantiker und vor allem Menschen mit seinen Schwächen, etwa das Rauchen, das ihn umbringen könnte, oder die Eifersucht auf eine längst tote Frau. 

„De Santis ist vorsichtig und einfühlsam, vor allem, wenn es um heikle Angelegenheiten geht wie das Schicksal eines Landes, Entscheidungen über Sterbehilfe, Begnadigungen, die Schönheit des Zweifels, die Suche nach der Wahrheit“, bestätigt Servillo.  

„Ich finde, der Film zeigt das genaue Gegenteil von Politik, die sich als Bühne inszeniert, gefüllt mit Narzissten. Der Politiker wie De Santis reißt nicht die Macht an sich, sondern fühlt sich eher wie ein Mieter des Quirinals, dessen Ziel es ist, anderen zu dienen und, wenn nötig, Selbstaufopferung und Verzicht zu bringen. Anmut ist nicht geschicktes Aufschieben, sondern das Abwarten vieler Meinungen und Argumente, bevor die wichtigste Entscheidung fällt. Das unterscheidet De Santis von den Arroganten. Er sucht die Wahrheit, und der Zweifel treibt ihn an.“

Natürlich wollen wir noch wissen, was wie alle von De Santis lernen sollen. „Sicher nicht das Rappen“, scherzt er, „darin braucht er noch Übung. Ich hoffe, der Film inspiriert uns in diesen unmenschlichen Zeiten dazu, menschlich zu bleiben, wie Präsident De Santis. Und das wäre schon ein kleiner, aber bedeutender Erfolg.”

43. Filmfest MÜnchen
CineMerit Award für Toni Servillo © Kurt Krieger / Filmfest München

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