Film

Sieben Filme unserer Wahl auf dem Filmfest in München

Das Programm des diesjährigen Münchner Filmfestes ist zu vielfältig, um sich darin zu verlieren. Auch wenn es um Auszeichnungen geht, setzten sich die Veranstalter das Ziel, den Einwohnern der drittgrößten Stadt Deutschlands Kinoerlebnisse aus der ganzen Welt zu bereiten. Wir berichten über unsere Eindrücke am Beispiel von sieben internationalen Produktionen.

 

Louise en Hiver

Der Trickfilm des französischen Regisseurs Jean-Francois Laguionie ist gleichermaßen verständlich für Erwachsene und Kinder, weil er viel Fantasie hat und eine Realität bietet. Die lebensfrohen Franzosen zeigen uns, dass man auch im Alter noch ein gutes Leben haben kann, wenn man naturnah lebt. Man findet noch treue Freunde und genießt das Leben mit wenig statt mit Überfluss.

„Louise en Hiver“ by Jean-Francois Laguionie

Die alte Louise verpasst den letzten Zug und bleibt in einem Urlaubsort allein zurück. Die Annahme, dass  man im heutigen übervölkerten Europa noch irgendwo alleine bleiben kann ist natürlich etwas unheimlich und lebensfremd. Aber die Vorstellung gelingt, wenn man das Träumen nicht verlernt hat. Wie sieht so ein Leben in der Einsamkeit der halb-kultivierten Natur aus? Ein frühes Aufwachen mit wunderschöner Aussicht aufs Meer und eine kalte Dusche am Strand gleich vor dem Grand Hotel. Nahrungsmittel beschafft man selbst. Das Gemüse lässt sich im Friedhofsgarten anbauen, Fisch fängt man reichlich im Meer und feinen Wein findet man, wenn man mit einem Stein ausgerüstet die Vitrinen der lokalen Geschäfte zerbricht. Dort gibt es nicht nur Trockennahrung, sondern auch schöne Kleider, Schuhe und Hüte. Nach dem Kochen und Essen geht man in Begleitung eines neuen Freundes – einen obdachlosen Hund – spazieren. Diese Lebensweise ist nicht nur romantisch, sondern auch gesund. Plötzlich leidet man nicht mehr an Krankheiten wie Erkältungen und bekommt sogar die längst verlorene Sehkraft zurück. Es gibt natürlich ein paar unangenehme Zwischenfälle, wie einen Selbstmordversuch, doch der Hund, ein wahrer Freund, eilt schnell zur Rettung herbei. Bald ist wieder Sommer, mit ihm kommen  andere Menschen und so dreht sich das Leben wieder im gewöhnten Kreis.

Diese schöne 2D-Animation ist mit viel Liebe zu witzigen Details gemacht, ganz im Stil des Japaners Hayao Miyazaki. Sie ist auch eine Ko-Produktion vom Kultursender ARTE, der sein 25. Jubiläum in diesem Jahr feiert.

 

La Redoutable

Was wir über Jean-Luc Godard nicht wussten und dank des Regisseurs Michel Hazanavicius nun erfahren, sind Ereignisse aus der Zeit, als der renommierte Vertreter der „Nouvelle Vague“ noch jung und nicht berühmt war und seine erste große Liebe erlebte. Eigentlich stammt diese Erzählung auch von seiner großen Liebe, es ist das von ihr verfasste Buch, welches Hazanavicius als Vorlage zum Film diente. Die Hauptrolle des streitsüchtigen und lispelnden Godard hat Louis Garrel übernommen, selbst crème de la crème der Pariser Bourgeoisie, aus einer Familie, deren Vertreter sich ebenfalls zum feinen Kreis der Nouvelle Vague zählen dürften. Seine junge Geliebte wird charmant von der britisch-französischen Schauspielerin Stacy Martin gespielt wurde, die erst vor vier Jahren durch Lars von Trier (Nymphomaniac) ins große Kino kam und im Jahr danach gleich in sechs Produktionen mitwirkte.

„La Redoutable“ Michel Hazanavicius

Was in diesem Film tatsächlich begeistert, außer der kreativen Montage und der visuellen Reihe ganz im Stil von Godard, ist die Leichtigkeit, mit der die Franzosen von den Dramen des Lebens erzählen, sei es eine Liebe oder eine Revolution. Alles geschieht mit einer leichtverdaulichen Ironie. Wozu auch ein Drama, wenn das Leben doch eine Komödie ist.

 

Die Coppolas: „Die Verführten“ und „Paris kann warten“

Das Werk beider Damen aus der Coppola-Familie stand im Fokus des diesjährigen Filmfestivals München. Die Tochter Sofia hat den Regie-Preis in Cannes bekommen und ihre Mutter Eleanor hat, nach dutzend Dokumentationen, ihr Spielfilmdebüt nach München gebracht.

Filmmakers Live: Sofia Coppola beim Filmfest München

Doch ehrlich, der Preis für „Die Verführten“ war bloß eine diplomatische Geste ganz im Sinne der Frauenquote. Schließlich gab es schon viele Diskussionen über dieses Thema und es wurden berechtigte Fragen gestellt, etwa, warum die einzige Preisträgerin der Goldenen Palme die Australierin Jane Campion bleibt und warum die einzige Palm D’Or für Regie im Jahre 1961 an die sowjetische Filmemacherin Julia Solntzewa ging. Deshalb suchte man schon seit einer Weile eine passende Kandidatin und hat sie in Sofia gefunden.

Ohne Zweifel gibt es im Film der jungen Coppola eine wunderschöne visuelle Reihe auf nostalgischem Zelluloid. Es ist auch nett, zur Abwechslung mal einen Mann (freiwillig: Colin Farrell) und nicht immer nur eine Frau als Objekt zu sehen. Doch die Aussage der Regisseurin, das Remake des Originals mit Clint Eastwood aus der weiblichen Perspektive zu zeigen ist zu vage, wenn man den Film aus dem Jahr 1971 kennt. Dort war die Perspektive auch schon weiblich genug. Auf das abrupte Ende und die nicht immer überzeugenden Stimmungswechsel des männlichen Protagonisten lässt einen mit einem Gefühl der Leere das Kino zu verlassen.

„Paris Can Wait“ Eleanor Coppola

Auch das Werk von Coppola Seniorin ist wenig aussagekräftig, auch wenn wir die Tatsache bewundern, dass die Dame ihren ersten Spielfilm im Alter von 80 gedreht hat. Es ist schade, dass das Werk eher ein oberflächlicher Reiseführer für Frankreich oder eine Kolumne aus dem Magazin „Bon Appétit“ wirkt und ihm filmische Dramaturgie und Spannung fehlen. Auch das Geräusch „Mmm“, das die Protagonistin bei jeder Speise stöhnt, bringt kaum Spannung in die Handlung. Und die exakten Beschilderungen der Lokale und Hotels weisen klar auf Product Placement hin.

 

The Man

Im Gegenteil zu den Produktionen der Coppolas erlebt das skandinavische Kino wohl einen kreativen Sprung. Ungewöhnlich kreative Ansichten auf das moderne Leben und vor allem auf die zeitgenössische Kunst sind wichtige Themen dieses Kinos. Dabei hat bisher kaum jemand Kopenhagen als Zentrum der Kunst wahrgenommen, wie die Küche der nördlichen Länder, die man früher ebenfalls unterschätzte. Und nun gehört die dänische Metropole zu den Trendigsten in diesem Bereich. Neulich gewann ein Däne die Palme D’Or für seinen Film „The Square“. Darin ging es um den Alltag in einem Museum für zeitgenössische Kunst. Einen ähnlich lakonischen Titel wie „The Square“ hat ein anderer Film, der auch auf dem Münchner Filmfest gezeigt wurde, nämlich  „The Man“. In diesem Film geht es nun um die Gestalt eines zeitgenössischen Künstlers, seinen Alltag und seine Galerie-Geschäften.

„The Man“ Charlotte Sieling

Dieser Mann, längst berühmt, ist nun damit beschäftigt in Designer-Pyjamas in der Stadt und seinem eigenem Atelier herumzulaufen, junge Frauen, Möchtegernekünstlerinnen, zum Sex zu zwingen, seine eigene Partnerin zu missachten und vor allem jüngeren Talente samt seinem eigenen Sohn den Weg zum Ruhm zu versperren. Doch sein Sohn ist nicht so unbeholfen, wie es am Anfang der Handlung scheint. Heimlich bereitet er seinem alten Herrn eine Überraschung in Form einer Show, die ihn letztlich auf seinen Platz verweist. Witzig, visuell schön, mit reserviert-angenehmer Performance bietet diese Produktion eine gelungene Unterhaltung und ein wenig Belehrung, aber so viel, dass wir diese auch gerne verdauen.

 

Home

Das belgische Kino wirkt ganz im Gegenteil absolut ausweglos. Ganz im Stil der sozialen Dramen der Gebrüder Dardenne, wählt die Regisseurin Fien Troch das Thema „Jugend“. Viel zu aktuell, um drüber hinweg zu sehen. Gedreht im klassischen 4:3 Format mit ständigem Wechsel zu Aufnahmen wie auf dem Smartphone, zeigt die Belgierin die junge Generation der Europäer, ziellos, lustlos, verdorben, in Drogen, Alkohol und sexueller Perversion versunken.

„Home“ Fien Troch

Die Eltern dieser Jugendlichen haben auch reichlich abgekriegt. Im Vergleich zu Johns Mutter, die ihre Hände nicht vom Schwanz des eigenen Sohn lassen kann und ihn auch verbal und physisch erniedrigt, scheint die Mutter von Sammy fast ideal zu sein. Leider auch nur auf den ersten Blick, da auch sie ihrem Sohn eher ihre eigene Version der Zukunft aufdrängt und sich schließlich in entscheidenden erzieherischen Momenten sich nicht gegen ihn wehrt, als er ihr keinen Respekt erweist. Die dritte Mutter in diesem Kreis will gar nichts von ihren Sohn wissen, sie setzt ihn bei ihrer Tante ab, weil es ja zu Hause doch nur viel Streit mit dem Vater gibt. Kein Wunder, dass der Junge ins Gefängnis kommt. Die Väter müssen wohl totale Loser sein. Sie sind weder im Familienleben noch kaum im Berufsleben zu sehen. Doch primär geht es im Film um die Jugendlichen, und warum ihre Zukunft mitten in der freien Welt so ausweglos zu sein scheint. Vielleicht liegt der Grund gerade darin, dass so vieles so leicht möglich ist? Tatsächlich scheint man eine kostenlose und leicht zugängliche Ausbildung oder ein Studium nicht zu schätzen. Schließlich lernt man von früh auf, dass man auch ohne Mühe leicht zu Geld kommt und dass die Mühe umgekehrt nicht ausreichend Geld bringt.

 

The Big Sick

Dagegen wirkt der amerikanische Film, in dem um Werte der anderen Kulturen geht viel positiver und optimistischer als das Jungenddrama der Belgierin. Natürlich geht es im Falle von „The Big Sick“ um eine romantische Komödie im Sinne von „Boy meets Girl“. Doch die Sache wird erschwert, als wir erfahren, dass der Junge aus einer pakistanischen Familie kommt und das Mädchen umgekehrt eine Amerikanerin ist. Obwohl es eigentlich es um die Liebe geht, handelt es sich gleichzeitig um einen schweren Kampf verschiedener Kulturen, auch wenn Missverständnisse, Rassismus, Integration, Immigration und andere Probleme mit der ironischen Leichtigkeit einer Komödie behandelt werden.

„The Big Sick“ Michael Stowalter

Auch wenn es sich um die sog. Länder der Dritten Welt handelt, bewundert man erneut, die frische Energie und Liebe zum Leben der Migrantenfamilien, die in die westliche Gesellschaft kommen. Wie konsequent diese Nachkommen ihre Ziele verfolgt, das Leben viel positiver sieht als wir, die Einwohner „freier“ Welten! Man kann sicherlich widersprechen, dass die Produktion vom einem US-Amerikaner Michael Stowalter stammt. Doch das Drehbuch haben der pakistanische Schauspieler Kumail Nanjiani und seine Ex-Parnerin (nun die Ehefrau des Regisseurs) Emily V. Gorden verfasst, weil es darin um ihre eigene Romanze geht.

 

Die göttliche Ordnung

Zum Schluss ein ernstes Wort über die Frauen. Wussten Sie schon dass die Sklaverei und Unterdrückung der Frauen nicht nur im Jemen oder Saudi Arabien stattfindet, sondern es sie vor nur etwa 25 Jahren in der deutschsprachigen Schweiz auch gab? Auch dort wurden Frauen im Haushalt gefangen gehalten, um dem Mann die Socken zu waschen, dem Schwiegervater ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen und die Kinder, gerade wenn diese männlich sind, zu bedienen. Und alles wofür? Nicht mal für einen nächtlichen Orgasmus!

„Die göttliche Ordnung“ Petra Volpe

Dabei durften diese Frauen ohne Zustimmung ihrer Männer weder halbtags arbeiten gehen oder ihre eigenen Kinder vor dem  Gefängnis schützen, falls der Vater sich dafür entschied, sie anzuzeigen. Der Grund? Weil es sich so gehörte für eine „anständige“ Frau, weil es angeblich eine „göttliche Ordnung“ war. Ob Gott selbst darüber Bescheid wusste? Doch auch damals gab es wenige Frauen, die vielleicht mehr Testosteron in ihrem Körper hatten als die anderen. So auch die junge Nora, die eines Tages die Nase voll hat von ihrem Alltag und vom Unrecht im Dorf. Sie fängt an sich zu wehren. Und schon kämpfen viele Dorfbewohnerinnen an ihrer Seite. Ein ausgezeichneter Film der Schweizerin Petra Volpe!