9 September 2026 — Nach acht Jahren Schweigen kehrt Lee Chang-dong zurück und erzählt von zwei Familien, die dieselben Straßen gehen und doch in verschiedenen Welten leben.
2018 zeigte das Filmfestival von Cannes „Burning“ nach einer Erzählung von Haruki Murakami. Der Film gewann den FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik, danach wurde es acht Jahre lang still um den koreanischen Meister. In dieser Zeit wurde das koreanische Kino zum festen Gast der Festivals: „Parasite“ holte 2019 die Goldene Palme, Park Chan-wook wurde für „Decision to Leave“ in Cannes als bester Regisseur ausgezeichnet, brachte „No Other Choice“ nach Venedig und wurde später Präsident der Cannes-Jury. Nun kehrt auch Lee Chang-dong zurück, nach Venedig, wo er vor 24 Jahren für „Oasis“ den Silbernen Löwen für die Regie erhielt. Sein neuer Film trägt den poetischen Titel „Possible Love“. Hinter diesem Titel verbirgt sich jedoch ein Sozialdrama über Arbeitslosigkeit, die Kälte des Kapitalismus und die Ungleichheit der Klassen. Wie Park Chan-wook in „No Other Choice“ erzählt auch Lee von einem Mann, den die Entlassung aus seinem Leben wirft. Doch wo Park zur schwarzen Satire greift, bleibt Lee beim leisen Drama. Es geht darum, wie weit Reiche und Arme voneinander entfernt sind, obwohl sie durch dieselben Straßen gehen, in denselben Restaurants essen und manchmal sogar, wenn sich ihre Leben kreuzen, Freundschaft miteinander spielen. Am Ende trennen sich diese Wege wieder, und ausgerechnet die Menschen aus einfachen Verhältnissen erweisen sich als diejenigen mit mehr Würde.
Ho-seok hat viele Jahre in einem großen Unternehmen gearbeitet. Sein Leben zerbrach, als die Eigentümer eine Umstrukturierung beschlossen und ihn entließen. Doch nicht die Arbeitslosigkeit selbst hat ihn gebrochen, sondern die brutale Niederschlagung eines Sitzstreiks durch die Polizei, den er mit seinen Gewerkschaftskollegen organisiert hatte, um für Gerechtigkeit zu kämpfen. Er wurde beinahe zu Tode geprügelt und im Rollstuhl ins Gefängnis gebracht. Am schwersten war es für ihn zu sehen, wie die Menschen, für die er eingestanden war, darunter seine eigenen Brüder, ihn nicht nur den Schlägern überließen, sondern sich danach vollständig von ihm abwandten.

Zwei Jahre sind vergangen. Sein Körper hat sich erholt, seine Psyche nicht. Gleich in der ersten Szene sehen wir, wie Ho-seok mit seiner Frau Mi-ok und seinem neunjährigen Sohn Chheol widerwillig zu einer Veranstaltung geht. Es ist die Beerdigung eines weiteren Streikteilnehmers, der sich das Leben genommen hat. Bei der Trauerfeier begegnen sie zufällig einem anderen Paar: Ye-ji und Sang-woo. Ye-ji ist eine junge Dokumentarfilmerin, die ihren ersten abendfüllenden Film über die Nöte der Arbeiterklasse drehen will. Sang-woo, Erbe einer wohlhabenden Familie, arbeitet als Investmentbanker. Als die Filmemacherin Ho-seok kennenlernt, ist sie sofort begeistert. Er ist der perfekte Held für ihren Film.
Hier erkennt man die Konstruktion aus „Parasite“ wieder, in der sich zwei Familien aus unterschiedlichen Schichten spiegeln. Die ärmere Familie lebt traditioneller. Ho-seok und Mi-ok kennen sich seit der Schulzeit. Er verdient das Geld, sie arbeitet nebenbei, kümmert sich um das Kind. Das andere Paar hat kein Kind, dafür einen geliebten Labrador. Zunächst scheint es, als hätten die beiden ihre ungleiche Ehe gegen den Willen ihrer Eltern durch gemeinsame Werte zusammengehalten, durch den Glauben an die Demokratie und das Streben nach sozialer Gerechtigkeit. Doch soziale Gerechtigkeit ist hier vor allem eine modische Idee, für die man einen staatlichen Zuschuss beantragt, obwohl das Geld ebenso gut aus der Familie kommen könnte. Und zu den Treffen mit den Arbeitern erscheint die Ehefrau in Designerkleidung, mit Accessoires, deren Wert mühelos mehrere Monatslöhne einer Arbeiterfamilie decken würde.

Lee Chang-dong hat den Film Krzysztof Kieślowski gewidmet und stellt ihm das Gebot „Du sollst nicht begehren“ aus dessen „Dekalog“ voran. Doch hier begehren nicht die Armen den Besitz der Reichen, sondern die Reichen das, was die Armen haben: eine Geschichte, ein Kind, eine Ehe, die seit der Schulzeit hält. Lee Chang-dong misstraut dem Exzentrischen. Seine Welt ist der psychologische Realismus der klassischen Literatur, aus der er selbst kommt. Bevor er zum Film fand, war er Schriftsteller. Geduldig baut er die Spannung auf und lässt dem Zuschauer Zeit, ganz in diese bedrückende Routine einzutauchen. Die behutsame Musik von Jung Jae-il, der auch für „Parasite“ und „Squid Game“ komponierte, und die ruhige Kamera von Kim Ji-yong ziehen den Zuschauer dabei immer tiefer in diese Welt hinein.
Die Ungleichheit ist bis in die Konstuktion des Films eingeschrieben. Sie zeigt sich sogar in der Besetzung. Ho-seok wird von Lee Chang-dongs Lieblingsschauspieler Sol Kyung-gu gespielt, der bereits in „Peppermint Candy“ und „Oasis“ brillierte. Wieder verkörpert er einen unausgeglichenen, impulsiven Mann, der seine inneren Dämonen nicht zu bändigen vermag. Mi-ok wird von Jeon Do-yeon gespielt. Ihre Rolle in Lee Chang-dongs „Secret Sunshine“ machte sie zur ersten koreanischen Schauspielerin, die in Cannes ausgezeichnet wurde. Die reichen Figuren dagegen werden von Schauspielern verkörpert, die aus einer anderen Welt und einem anderen Genre zu kommen scheinen. Zo In-sung kämpfte gerade noch in „Hope“ gegen Außerirdische, Cho Yeo-jeong spielte bereits die Hausherrin in „Parasite“. Obwohl ihre Rolle hier völlig anders angelegt ist, wirkt die Wahl der Schauspielerin wie eine bewusste Aussage.

Indem Lee Chang-dong von einem Schmerz erzählt, der sich in den Zwischentönen abspielt, und dabei ganz ohne Gewalt auskommt, gelangt er zu einer unmissverständlichen Schlussfolgerung. Die Sympathie der Elite für das Proletariat bleibt an der Oberfläche und hält einem ehrlichen Gespräch nicht stand. Der Versuch, mit Kunst und Philanthropie die Gesellschaft zu verändern oder wenigstens ihre Umgangsformen zu verfeinern, ist eine Illusion, mit der sich die Wohlhabenden selbst beruhigen.
Ihren Höhepunkt erreicht die Begegnung der beiden Welten, als Ho-seok und seine Familie ins Landhaus ihrer neuen Bekannten reisen, mit eigenem Strand und einem dienstbaren Gärtner. Sang-woo hat Mi-ok bereits mehrfach seine Aufmerksamkeit geschenkt. Er sagt, sie hätten viel gemeinsam, in ihrer Nähe fühle er sich wohl.
Aber ist Liebe möglich?
Die „Parasiten“ dieses Films sind die Reichen. Mehr als ein Wochenende in ihrem Wohlstand haben sie den Armen nicht zu bieten.

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