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Der spanische Schauspieler Javier Bardem geriet beim Filmfestival in Cannes im Fokus der Öffentlichkeit. Genauer gesagt, begann alles bereits im März während der Oscarverleihung. Bevor er den Gewinner, den norwegischen Regisseur Joachim Trier, auf die Bühne bat, um ihm den Preis für seinen Film Sentimental Value zu überreichen, hielt der Spanier unerwartet eine Rede für die Freiheit der Palästinenser. Das Publikum im Dolby Theatre reagierte mit lautem Applaus, während Hollywood den Schauspieler stillschweigend auf die schwarze Liste setzte. Dennoch blieb Bardem weiterhin an großen Projekten wie Dune: Part Three und der Apple-TV+-Serie Cape Fear beteiligt, da eine schwarze Liste nicht zwangsläufig große Skandale oder Entlassungen bedeutet. Es bedeutet lediglich, dass bestimmte Studios plötzlich keine Anfragen mehr stellen und Werbekampagnen wirkungslos bleiben. Der Schauspieler erklärte Journalisten, dass er, sollte Hollywood ihm die Türen verschließen, als spanischer Schauspieler weiterhin in europäischen Filmen mitwirken werde.

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El ser querido, Film still, Foto: Cannes Film Festival

Bardem reiste mit Rodrigo Sorogoyens El ser querido (The Beloved) zu den Filmfestspielen von Cannes. Darin spielt er den gefeierten Regisseur Esteban Martínez, der für die Dreharbeiten zu einem neuen Film in seine Heimat zurückkehrt. In Spanien trifft er seine Tochter wieder, die er seit vielen Jahren nicht gesehen hat und die bei seiner Ex-Partnerin lebte. Der Regisseur ist inzwischen mit einer anderen Frau verheiratet und hat zwei blonde Söhne. Seiner Tochter erklärt er, ihr, einer aufstrebenden Schauspielerin, mit der Karriere helfen zu wollen. Dabei ist er überzeugt, die schönsten Erinnerungen mit ihr zu teilen. Seine Tochter erinnert sich jedoch anders an ihn: alkoholabhängig, aggressiv, unfähig, seine Wut zu zügeln und dominant gegenüber allen um ihn herum.  Seit No Country for Old Men, der den Schauspieler zu internationalem Ruhm katapultierte, hat Bardem wohl keinen so furchteinflößenden und impulsiven Charakter mehr verkörpert. Auf der Pressekonferenz sprach er offen über toxische Männlichkeit, über despotische Männer, die ihre Macht missbrauchen.

Es war ungewöhnlich, eine Kritik am Machismo von einem Mann zu hören, der in dessen Ursprungsland geboren wurde und dem breiten Publikum vor allem durch seine Darstellungen starker Männlichkeit in Erinnerung geblieben ist. Man denke beispielsweise an seine Rolle in Woody Allens Vicky Cristina Barcelona, in der seine Figur Juan Antonio zwei Fremde zu einem Wochenende voller sexueller Vergnügungen einlädt. Seitdem hat sich einiges geändert. Die MeToo-Bewegung, die 2017 begann, korrigierte die Situation, wenn auch nur kurz und nicht so radikal, wie viele erwartet hatten. Die Kommentare des Schauspielers gingen über die Filmpräsentation hinaus, als er unerwartet verkündete: „Ich bin 57 Jahre alt, ich komme aus Spanien, wo durchschnittlich zwei Frauen pro Monat von ihren Ex-Ehemännern oder Partnern getötet werden“, begann er seine Antwort. „Sind wir verrückt? Töten wir Frauen, weil einige Männer glauben, sie gehörten ihnen?“ Er fuhr fort: „Ich denke, viele Politiker haben dasselbe Problem. Trump, Putin und Netanjahu – diese Machos, die sagen: ‚Mein Schwanz ist größer als deiner, also bombe ich dich in die Hölle.“

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Javier Bardem bei der Pressekonferenz in Cannes, Foto: Cannes Film Festival

So schafft toxische Männlichkeit Tausende von Leichen. Wahrscheinlich wird er nun auch vom Weißen Haus, dem Kreml und dem israelischen Verteidigungsministerium auf die schwarze Liste gesetzt. 

Eine andere Form toxischer Männlichkeit zeigte sich in Andrei Swjaginzews Wettbewerbsfilm Minotaurus. Der Film entstand nach neun Jahren Abwesenheit des Regisseurs vom Kino. Während der Pandemie fiel Swjaginzew für vierzig Tage ins Koma, verbrachte elf Monate in einer deutschen Klinik und lernte wieder laufen und mit Besteck umgehen. 2022 kehrte er im Rollstuhl nach Paris zurück und begann mit der Entwicklung eines neuen Projekts. Sein Werk ist eine freie Interpretation eines Films von Claude Chabrol. Nur dass der französische Regisseur sich mehr für die Sitten des lokalen Bürgertums interessierte – die abgeschottete Welt der Privatpersonen, in der die Untreue einer Ehefrau und der Mord an ihrem Liebhaber streng private Angelegenheiten bleiben. Swjaginzew verlegt die Handlung seiner Geschichte ins Russland des Septembers 2022. 

Der Protagonist Gleb ist Geschäftsführer eines Transportunternehmens. Er lebt mit seiner Frau Galina und seinem Sohn Sergei in einer geräumigen, modernen Villa am bewaldeten Rand einer Provinzstadt. Das Haus hat hohe Fenster, die viel Licht hereinlassen, aber keine Wärme. Galina kümmert sich um den Haushalt und ihren Teenagersohn, und ihre Lebensfreude schwindet zusehends. Nur beim Schreiben von SMS huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, und wenn sie angeblich zum Friseur geht, kommt sie mit derselben Frisur zurück. Gleb, der es gewohnt ist, dass in seinem geordneten Leben alles nach seinen Vorstellungen läuft, entgeht das nicht. Er beauftragt seinen Sicherheitschef, seine Frau zu beschatten, entdeckt ihre Untreue und findet heraus, dass sie einen jungen Fotografen hat, der in einem heruntergekommenen Plattenbau am anderen Ende der Stadt lebt – in einer völlig anderen Welt als Glebs Villa. Dort ist seine Frau Galina wirklich glücklich. Gleb kümmert das nicht. Er ist überzeugt, das Recht zu haben, über das Schicksal anderer zu bestimmen, und die Folgen seiner paranoiden Kontrollsucht lassen sich leicht vertuschen – er ist ein Mann mit Macht, und der Bürgermeister ist sein Freund.

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Minotaurus, Film Still, Foto: Cannes Film Festival

Swjaginzew schildert ein Familiendrama, doch im Hintergrund lenkt er den Blick auf die Ereignisse des Jahres 2022 in Russland. Gleb wird ins Bürgermeisteramt gerufen: Vierzehn Arbeiter sollen zur Mobilisierung an die ukrainische Front abkommandiert werden. Er schaltet eine Anzeige für Lkw-Fahrer mit doppeltem Gehalt. Die Leute denken, sie bewerben sich um Jobs, doch ihre Daten landen beim Wehrdienstamt. Swjaginzew ist kein Freund dramatischer Emotionen auf der Leinwand; vielmehr beobachtet er seine Figuren mit einer kalten Präzision, die beklemmender ist als jede Anklage. Gleb wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein Monster. Er erklärt sein Handeln mit der Sorge um seine Familie und seiner Verantwortung gegenüber seinem Land. Sein Plan ist simpel: Er ist ein Mann, also muss ihm alles gehorchen. Er erzieht seinen Sohn mit derselben Einstellung. Wenn ein Junge in der Schule gemobbt wird, soll er den Mobber am Revers packen und drohen, ihm die Fresse zu zertrümmern. Und als ob die Lehren längst verinnerlich worden wären, sieht man im Hintergrund Menschen, die an die Front geschickt werden. Minotaurus ist Swjaginzews erster Film, der vollständig außerhalb Russlands gedreht wurde. Auf der Pressekonferenz erklärte er kurz: „Ich habe Russland vor sechs Jahren verlassen, aber ich habe etwa sechzig Jahre hier gelebt. Ich weiß also, wovon ich spreche.“ Es gibt eine Szene im Film, in der die Soldaten vor ihrem Fronteinsatz eine Motivationsrede erhalten. Ihnen wird gesagt, sie würden das Vaterland, seine Grundpfeiler, die traditionelle Ehe verteidigen und nicht eine Gesellschaft, in der „Männer andere Männer heiraten und Kinder großziehen“.  

Dieses Thema klingt auch in einem anderen Wettbewerbsfilm an: Fjord des rumänischen Regisseurs Cristian Mungiu, der zu den Favoriten der Goldenen Palme zählt. Mungiu hinterfragt die Demokratie in ihren Extremen und eine Version davon, in der es keine Freiheit für Andersdenkende gibt.  Im Film kommt sein Protagonist Mihai, verheiratet mit der Norwegerin Lisbeth, in das Heimatland seiner Frau, um als Programmierer zu arbeiten. Norwegen bietet gute Schulen, eine wunderschöne Natur und einen Wohlfahrtsstaat, von dem Rumänien nur träumen kann. Zunächst fügt sich die Familie gut in die Gemeinschaft ein; die Nachbarn wirken offen und zuvorkommend, und die Kinder finden Freunde. Allerdings sind sie auch evangelische Christen, deren Kinder ihre Abende mit Lesen und Beten verbringen, anstatt soziale Medien zu nutzen. Das bleibt nicht unbemerkt. Die Äußerungen der Kinder über die Mann-Mann-Beziehung als Sünde in einer Schule, in der Geschlechterunterschiede ausgeglichen werden, schüren Ressentiments gegen die neuen Mitglieder der Gemeinschaft. 

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Fjord, Film Still, Foto: Cannes Film Festival

Als eine Lehrerin Spuren von Körperverletzungen an dem Kind bemerkt, möglicherweise aus dem Sportunterricht, und sich später herausstellt, dass Mihai seine Kinder aus disziplinarischen Gründen gelegentlich auf den Po klatscht, erscheint die Kinder- und Jugendhilfe unangemeldet und nimmt die fünf Kinder, darunter ein gestilltes Baby, in Obhut. Das norwegische Kinderschutzsystem funktioniert einwandfrei und zugleich zutiefst unmenschlich. Eine Demokratie, die Toleranz predigt, erweist sich in der Praxis als intolerant gegenüber anderen Überzeugungen, Kulturen und Lebensweisen. Der Regisseur bezieht eine klare Position, in dem die Bilder sprechen für sich: Eine sogenannte progressive Gesellschaft, die sich zur Inklusion bekennt, verschließt die Tür für diejenigen, deren Werte von ihren eigenen abweichen – und das im Namen des Schutzes der Freiheit.

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