05 Ac 27 Still 1 Main 그대, 별처럼 You, Like A Star

„So altmodisch“, sagte eine japanische Kollegin in Busan über „You, Like a Star“ („Nanji, hoshi no gotoku“) von Michihito Fujii, einen Film mit zwei der größten Stars Japans, Ryusei Yokohama und Suzu Hirose, nach dem preisgekrönten Bestseller von Yuu Nagira. Aber ist der Film wirklich altmodisch, oder ist er klassisch? 

Ein Stern, der zu früh verglüht

Kai und Akimi wachsen auf einer Insel in der Seto-Inlandsee auf, zwei Außenseiter, die das Dorf nie ganz annimmt. Was sie verbindet, sind ihre Mütter. Kais Mutter (Machiko Ono) arbeitet in einer Bar und klammert sich an jeden Mann, der ihr Halt verspricht. Akimis Mutter (Yoshino Kimura) zerbricht, als der Vater zu einer anderen Frau geht, und die Tochter wird zu ihrer Stütze. Japan hat für solche Eltern ein eigenes Wort, doku-oya, giftige Eltern, und die Debatte darüber ist keineswegs Vergangenheit. Der Film zeigt ohne jede Milde, wie Kinder die gescheiterten Leben ihrer Eltern abtragen müssen.

Aus dieser Not wächst eine zarte Liebe. Fujii erzählt sie in weiten Panoramen der Insel, mit viel Meer und viel Himmel, in einer hellen, weichen Farbgebung, ohne formale Experimente, ganz im Dienst der Geschichte. Kai geht nach Tokio und wird als Autor von Manga-Geschichten schnell reich. Er entkommt der Insel, aber nicht der alten Männerrolle des Versorgers, der alles regelt und die Frau als Nebensache betrachtet. 

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Mit den Jahren ändert sich an ihm nichts, im Gegenteil, er zerstört sich mit jener erschreckenden Konsequenz, die man aus so vielen japanischen Werken der Literatur und des Kinos kennt. Trotz ihres Wunsches, ebenfalls nach Tokio zu gehen, bleibt Akimi auf der Insel, um ihre Mutter zu versorgen, und lernt die Stickerei, die sie zu ihrem Beruf machen möchte. Sie bleibt mit Kai in Kontakt, bis sie bei einem Besuch in Tokio feststellt, dass er keineswegs der Mann ist, mit dem sie sich ein gemeinsames Leben vorstellt. Sie läuft von ihm weg und hofft im Inneren, dass er sie aufhält. Zurück auf der Insel heiratet sie ihren früheren Lehrer Kitahara (Hiroki Hasegawa), der das Kind seiner ehemaligen Schülerin großzieht. Die Ehe ist ein Obdach und keine Romanze, vielleicht aber die erwachsenste Form von Liebe in diesem Film. Und mit dieser Heirat ist die Geschichte von Kai und Akimi noch nicht zu Ende. 

Gemessen an der japanischen Schule der Zurückhaltung wirkt offenes Melodram schnell klischeehaft. Doch Kino ist dafür da, große Emotionen auf die Leinwand zu bringen. „You, Like a Star“ führt den Zuschauer durch eine ganze Palette von Gefühlen und hinterlässt Bitterkeit und Hoffnung. Das ist in Busan in diesem Jahr nicht vielen Filmen gelungen.

Lob des Nutzlosen

Der englische Titel „In My Father’s Room“ klingt nach Nachlassverwaltung. Im Japanischen heißt der Film „Muyō no hito“, der unnütze Mensch, und erinnert an eine alte Denkfigur des chinesischen Philosophen Zhuangzi. Er erzählt von einem knorrigen Baum, mit dem kein Zimmermann etwas anfangen kann, und gerade deshalb fällt ihn niemand. Er wird alt und riesig. Was die Gesellschaft für nutzlos hält, hat oft seinen eigenen Sinn. Davon handelt auch diese Geschichte, erzählt von der Bestsellerautorin Maha Harada in ihrem Debütfilm. Bevor Harada zu schreiben begann, war sie im Kunstbereich tätig, unter anderem als Gründungskuratorin des Mori Art Museum in Tokio. 

05 Ac 17 Still 1 Main 아버지의 방 In My Fathers Room
05 Ac 17 Still 3 아버지의 방 In My Father′s Room

Deshalb geht es in ihren Romanen oft um Kunst. Mit 64 Jahren hat sie nun ihre eigene Kurzgeschichte verfilmt, mit Yu Aoi in der Hauptrolle, die seit Shunji Iwais „All About Lily Chou-Chou“ eine der bekanntesten Schauspielerinnen Japans ist. Sie spielt Satomi, die seit fünfzehn Jahren im Museum vor einem Bild von Mark Rothko Wache steht, einer fast schwarzen Fläche. Für seine dunklen Wandbilder ließ sich Rothko von Michelangelos blinden Fenstern in Florenz anregen. Eines Tages erreicht Satomi ein Päckchen ihres Vaters, der einen Monat zuvor allein gestorben ist. Darin liegt ein Schlüssel. Die Mutter hat diesen Mann längst abgeschrieben und sich spät im Leben von ihm scheiden lassen. Für sie war er nutzlos. Während sie ums Auskommen kämpfte, trank er Tee und schrieb Gedichte. Ob er Dichter gewesen sei, fragt die Tochter. Die Mutter weiß es nicht. Erst ein Antiquitätenhändler (Eita Nagayama), bei dem der Vater Stammkunde war, erzählt der Tochter von einem Menschen, den die eigene Familie nie gekannt hat. Denn gemessen wird ein Mensch nach seinem Platz in der Hierarchie und kaum nach seinem Innenleben. 

Issey Ogata spielt diesen Vater mit großer Zurückhaltung. Im Westen kennt man ihn aus Edward Yangs „Yi Yi“, aus Scorseses „Silence“ und aus Alexander Sokurows „Die Sonne“, in der er Kaiser Hirohito verkörperte. Harada inszeniert langsam, mit viel Raum und viel Stille, wie eine ausgedehnte Teezeremonie. Man spürt, dass hier eine Schriftstellerin eher über Worte erzählt als über die Kamera. Immer wieder kehrt der Film zu Satomi zurück, die neben Rothkos Bild sitzt und den Bemerkungen der Besucher zuhört. Vielen erscheint das Bild nutzlos. Doch ein Kind erkennt in Rothkos schwarzer Fläche ein Fenster oder eine Tür. Jahre später wird aus dem Jungen der Kurator des Museums. Auch Satomi, der das Museum mitten im Film den Vertrag aufkündigt, steht selbst kurz davor, für nutzlos erklärt zu werden. 

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Erschüttern will dieser Film nicht. Das Drama findet trotzdem statt, nur außerhalb des Bildes. Ein Mann stirbt allein, ohne je gezeigt zu haben, wer er war und was er wert war. So geht es auch den anderen Figuren und den meisten von uns. Was Haradas Figuren nicht aussprechen, überlässt sie am Ende Bellinis „Casta Diva“, dem Gebet der Priesterin Norma an die Mondgöttin um Frieden.  Wenn die Arie erklingt, bleibt kein Beben zurück, aber ein ruhiger, nachdenklicher Nachgeschmack und die Frage, was man eigentlich für nutzlos halten kann. 

Tränenglanz

Auf einer Anhöhe über einem Bergdorf wandern zwei Mädchen, Soon-ok und Jung-im. Sie singen und erzählen einander, was sie sich vom Leben erhoffen. Dann schwören sie sich Freundschaft für immer und lassen sich, damit das Versprechen hält, ein gemeinsames Zeichen in die Hand stechen. Soon-ok hat Eltern, die sich um sie kümmern. Jung-im ist begabter, sie singt besser als alle anderen im Dorf, aber ihr Vater ist ein Trinker, der bei allen Schulden hat. Wie in “You, Like a Star“ erben die Kinder das Karma ihrer Eltern, und es bestimmt ihr Schicksal. Soon-ok und Jung-im verbringen viel Zeit zusammen, bis ihnen eines Tages ein Junge über den Weg läuft. Doo-young und Jung-im verlieben sich. 

Die Judengeschichte in Song Il-gongs „Still Shining“ spielt während der japanischen Kolonialherrschaft. Die japanische Armee verschleppte damals junge, unverheiratete Koreanerinnen in ihre Militärbordelle. Als die Soldaten in das Dorf kommen, verstecken sich Jung-im und Soon-ok in einem alten Krematorium in den Bergen, wo der Onkel des Jungen arbeitet. Doch das Versteck hält nicht lange, und die Japaner suchen bereits nach den beiden. Weil die Soldaten es auf unverheiratete Frauen abgesehen haben, suchen Soon-oks Eltern einen Bräutigam für ihre Tochter, und es ist ausgerechnet Doo-young. Für Jung-im findet sich niemand, weil keine Familie eine Tochter aus dem Haus eines verschuldeten Trinkers aufnehmen will. Das entscheidet ihr Schicksal. 

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Das koreanische Kino und das Fernsehen kehren immer wieder zu diesem Kapitel zurück. Die betroffenen Frauen haben jahrzehntelang geschwiegen. Japan und Korea streiten bis heute über Verantwortung und Entschuldigung. Ein Film über dieses Thema steht unter dem Druck, den Opfern gerecht zu werden. Er hat deshalb wenig Freiheit und folgt einem Verlauf, den das Publikum weitgehend vorhersehen kann. 

Song wurde um das Jahr 2000 mit dem Kurzfilm „Picnic“ in Cannes und mit seinem ersten Spielfilm „Flower Island“ in Venedig ausgezeichnet. Für die Rahmenhandlung hat er Kim Hye-ja gewonnen, die Soon-ok im Alter spielt. Mit 85 Jahren gehört Kim Hye-ja zu den bekanntesten Schauspielerinnen Koreas und ist im Westen vor allem als Mutter in Bong Joon-hos „Mother“ bekannt. Der Regisseur besuchte sie nach eigener Aussage sechsmal, bevor sie zusagte. 

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Ihre Szenen als alte Soon-ok nehmen jedoch wenig Raum ein und unterbrechen die Geschichte der Mädchen mehr, als dass sie ihr etwas hinzufügen. Wichtig sind sie trotzdem, weil in ihnen das eigentliche Thema des Films liegt, die Schuld einer Frau, die verschont wurde, geheiratet und Kinder bekommen hat und sich das nie verzeihen konnte. Das Zeichen, das sich die Mädchen am Anfang in die Hand stechen ließen, trägt am Ende auch die Enkelin, die die Ereignisse selbst nicht erlebt hat. Das Bild ist sehr direkt, zeigt aber, wie eine traumatische Erinnerung an die nächste Generation weitergegeben wird. Im Vergleich zu Fujiis „You, Like a Star“ ist „Still Shining“ konstruierter und tränenreicher. Altmodisch nennt ihn trotzdem niemand, denn im koreanischen Publikumskino gehören Tränen zum Handwerk. 

Die letzte Runde

Das koreanische Kino bewegt sich oft zwischen zwei Polen, dem Erbe der Kolonialzeit, wie es die Serie „Pachinko“ erzählt hat, und dem Konkurrenzkampf der Gegenwart, für den „Squid Game“ das Muster geliefert hat. „Final Interview“ gehört zum zweiten. Der Film mit Jo Yi-hyun, Kim Jae-won, Kang You-seok und Kwak Dong-yeon, jungen Stars des koreanischen Fernsehens, beginnt während der Pandemie. 

Ein Unternehmen bringt sechs junge Bewerber zusammen, die sich gegen fünftausend andere durchgesetzt haben. Einen Monat lang arbeiten sie gemeinsam an einem Projekt, und man lässt sie glauben, dass am Ende alle eingestellt werden. Kurz vor dem letzten Gespräch erfahren sie, dass nur einer bleiben darf und dass sie selbst bestimmen sollen, wer. Zwei Stunden haben sie dafür und fünf Abstimmungen, und hinter Kameras sieht die Firma ihnen dabei zu. Von da an spielt der Film fast ausschließlich in einem einzigen Raum, an einem Tisch, auf dem eine Uhr die verbleibende Zeit herunterzählt. Regie führt Kim Jeong-hoon, der bisher vor allem Abenteuerfilme und Komödien wie „The Pirates: Goblin Flag“ inszeniert hat. Bald tauchen Umschläge mit Enthüllungen über jeden der sechs auf, und aus der Arbeitsgruppe wird ein Rudel. Das Muster kennt man aus „Squid Game“. Ahnlich geht es in Park Chan-wooks „No Other Choice“ um einen entlassenen Angestellten, der seine Konkurrenten um eine neue Stelle aus dem Weg räumt. Das Leben erscheint im koreanischen Kino oft als Arena, in der jeder gegen jeden kämpft. Der Verleih bewirbt den Film als Geschichte über den Übergang vom Prüfungskrieg der Schulzeit in den Kampf um Arbeit.

07 Kp 01 Still 1 Main 최종면접 Final Interview

Am unangenehmsten ist der Blick von außen. Die Personalabteilung verfolgt das Geschehen auf Monitoren, als stünde sie vor einem Gehege im Zoo, und der Film lässt offen, ob er diesen Blick anklagt oder ihn einfach übernimmt. Ein solches Verfahren verletzt die Würde der Menschen, auch wenn niemand körperlich zu Schaden kommt. Seltsam wirkt, dass keiner der Kandidaten für sich selbst stimmt, obwohl jeder die Stelle will. Vielleicht spielen sie Fairness für die Kameras, der Film erklärt es nicht.

Seine emotionalen Momente hat der Film, wenn die Umschläge geöffnet werden und die schlimmsten Geheimnisse der Tischnachbarn offenbar werden. Gegen Ende kommen große Gefühle ins Spiel. Ein Bewerber opfert sich aus Liebe zu einer Frau, die er erst seit wenigen Wochen kennt. Das Publikum kennt sie noch weniger, denn für die Entwicklung der Figuren lässt der Film kaum Raum. Nach den wahren Schuldigen wird danach noch jahrelang gesucht, und am Ende stehen tränenreiche Enthüllungen. Was der Film über die Spannung hinaus sagen will, bleibt unklar. Dass das Leben hart ist, Hass und Kampf deshalb dazugehören, zeigt er, ohne es infrage zu stellen. Fragen braucht es auch nicht, denn in den meisten koreanischen Filmen und Serien wird der Schuldige am Ende bestraft. Das ist für den Zuschauer oft erleichternd, aber selten herausfordernd. Aufschlussreich ist der Vergleich mit den japanischen Filmen. Dort richten Menschen in Not ihre Verzweiflung meist gegen sich selbst, hier richten sie sie sich gegen die anderen. 

Kino & Kunst

Cinema, art, and culture, since 2012.

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