14 September 2026 —In Venedig wurden die Preise vergeben. Manche davon ehren das wahre Kino, andere reagieren bloß auf die Nachrichtenlage.
Maggie Gyllenhaal hatte den Film nicht einmal anschauen müssen, sondern gleich den Löwen vergeben, weil der Film eben von einer Frau kommt. So jedenfalls antwortete die Präsidentin der Jury von Venedig am Samstagabend, als man sie fragte, ob der Goldene Löwe für „Woman Unknown“ ein politisches Zeichen sei. May el-Toukhys Drama war der einzige Film im Wettbewerb, den eine Frau inszeniert hatte, und Gyllenhaal, die man eigens als Frau an die Spitze der Jury geholt hatte, hörte die Frage nach Frauen in der Filmindustrie nicht zum ersten Mal. Der Witz war eine Abwehr, und er traf einen Verdacht, der inzwischen jede große Preisverleihung begleitet. Festivals, so heißt es, verteilten ihre Preise nach Quoten für Minderheiten, nach geopolitischer Lage und nach anderen Tagesthemen. Ganz falsch ist das nicht. Filme halten den Zustand einer Gesellschaft fest und sehen manchmal etwas voraus, und ein Festival, das sie auszeichnet, schreibt diesen Zustand fest und balanciert dabei.
Aber „Woman Unknown“ hatte den Löwen verdient (unsere Kritik zum Film Venedig 2026: Eine unter Zwanzig). Die Geschichte einer jungen Frau, die zuerst im Haus eines wohlhabenden Fabrikbesitzers dient und später seine Geliebte wird, natürlich nicht aus Liebe, liegt nicht so weit zurück, wie man meinen könnte, denn auch heute haben Frauen ihre Rechte noch nicht vollständig durchgesetzt. Der Film zeigt das dramatische Schicksal dieser Frau nicht nur in leisen Szenen häuslicher Gewalt, sondern auch dort, wo Männer auf offener Straße Frauen, die sich im Zweiten Weltkrieg mit deutschen Soldaten eingelassen hatten, Hakenkreuze auf die nackten Körper malen. Das schwächste und stimmlose Glied der Gesellschaft, die Frau, wurde für Verbrechen des Nationalsozialismus verantwortlich gemacht, die sie nicht begangen hatte. Dass nun eine Frau davon erzählt, in einem Wettbewerb, in dem nur einer von 22 Filmen von einer Regisseurin stammt, hat Gewicht. Ebenso, dass diese Geschichte heute fast vergessen ist. Außerdem erzählt der Film von doppelter Moral, von denen, die Fehler machen dürfen, ohne dafür geradezustehen, und von anderen, denen nicht einmal die eigenen Sünden verziehen werden. Wenn die große Leinwand davon nicht erzählt, wer dann?

Die Coppa Volpi für die beste Darstellerin ging an Mathilde Arcel für die Hauptrolle in „Woman Unknown“. Laut Festivalregeln kann ein Siegerfilm einen zweiten Preis nur bei einstimmigem Votum der Jury erhalten. Und die Jury entschied sich für die wenig bekannte Arcel. Alba Rohrwacher hätte auch diesen Preis erhalten können. In Stéphane Brizés „A Good Little Soldier“ spielt sie die Personalchefin eines Großkonzerns, dessen Logo ein Arbeitsklima verspricht, das es in diesen Büros nicht gibt. Sie spielt zurückhaltend, mit Gefühlen, die sich nie ganz Luft machen dürfen, so wie man im eigenen Leben aushält, wenn man überleben muss. Ihre Carla ist eine moderne Frau zwischen Überstunden und Familie, der Sohn lebt gerade beim Vater, weil die Mutter keine Zeit hat.

Auch Brizé blieb nicht unbemerkt, „A Good Little Soldier“ gewann den Preis für das beste Drehbuch.Viele französische Filme mit dieser Thematik setzen auf lauten sozialen Subtext, auf Proteste und Aufruhr, etwa die zahlreichen Filme über Jugendliche in einem abgelegenen Pariser Vorort. Brizés Film ist viel ruhiger und feinfühliger, subtiler und umfassender in seiner Aussagekraft. Brizé zeigt die Mechanik eines Unternehmens, die Männer an der Spitze, die laut und rücksichtslos sein dürfen, und die Geschichte, die sich die Firma über sich selbst erzählt. Man sei ein vorbildlicher Arbeitgeber und kümmere sich um seine Leute, heißt es dort, doch das steht nur auf dem Papier. Die Menschen, die diesem Konzern ihre besten und aktivsten Jahre geben, tun es, um zu überleben, bei langen Arbeitszeiten, respektloser Behandlung und schlechter Bezahlung, eben eine andere Form der Sklaverei.

Der Spezialpreis der Jury ging an „NAZA“ von Yuval Abraham und Rachel Szor, einen Dokumentarfilm, der erst in den Wettbewerb kam, nachdem lokale Aktivisten der Bewegung „Free Palestine“ Druck auf das Festival gemacht hatten. Einen Film, den man auf diesem Weg ins Programm holt, schickt man nicht ohne Preis nach Hause. Ob gut oder schlecht, „NAZA“ musste etwas gewinnen. 24 anonyme israelische Militärangehörige berichten im Film, nach welchen Regeln im Gazakrieg der Tod von Zivilisten in Kauf genommen wurde. Der Titel ist das Kürzel der Armee für Kollateralschaden. Der Dokumentarfilm zeigt eine Sicht, ohne Gegenstimmen oder Analyse. Gerade ein Dokumentarfilm, der den Anspruch erhebt, Wirklichkeit abzubilden, müsste verschiedene Seiten zeigen und dem Zuschauer ein eigenes Urteil zutrauen, so wie man es in einer Demokratie erwarten darf. „NAZA“ verlangt Vertrauen, während ein Dokumentarfilm Belege liefern müsste. Die Zeugen bleiben anonym, und niemand widerspricht ihnen, weder die Armee noch ein Soldat mit anderer Erfahrung. Das Urteil liefert der Film gleich mit.
Den Regiepreis erhielt Ilya Khrzhanovsky für „DAU“. Der Film spielt zwischen 1928 und 1968, doch schon das Leningrad der ersten Szene, in dem Glocken von den Kirchen gestohlen werden und Menschen, Pferde und Straßenbahnen durcheinanderdrängen, gleicht eher dem Moskau der Neunzigerjahre, in dem Khrzhanovsky erwachsen wurde, einer Stadt der Schutzgelderpressung, in der auf offener Straße geschossen wurde und Streitigkeiten oft blutig endeten. Laut der ursprünglichen Ankündigung sollte der Film vom sowjetischen Physiker Lew Landau handeln, doch mit Landau hat er wenig zu tun. Die Titelrolle spielt der Grieche Teodor Currentzis, dessen Russisch so holprig ist, dass selbst Muttersprachler zu den englischen Untertiteln greifen müssen, um ihn zu verstehen. Die Jury, die ohnehin nur die Untertitel las, hat im Chaos und Exzess womöglich jene rätselhafte russische Seele gesehen.

Maggie Gyllenhaal sagte, sie möge den Film, weil der Regisseur Frauen gut verstehe. Wahrscheinlich wusste sie nichts von den Vorwürfen in russischen Medien, Khrzhanovsky habe Frauen und ihre Körper am Set ausgebeutet und Darstellerinnen in früheren Filmen Demütigungen vor der Kamera ausgesetzt. Montiert hat Khrzhanovsky den Film hauptsächlich aus rund 700 Stunden Material montiert, gedreht zwischen 2008 und 2011 in Charkiw in der Ukraine, eine Tatsache, die er nun aktiv betont, um sich als Gegner des Kremls zu präsentieren. Zusammen dürfte das mehr Einfluss auf den Preis gehabt haben als die künstlerische Leistung. Khrzhanovsky hat den richtigen Moment abgepasst.

Unstrittig ist dagegen die Coppa Volpi für den besten Darsteller an John Malkovich. In Martin McDonaghs „Wild Horse Nine“ (Mehr dazu Venedig 2026: Im Auftrag der Vereinigten Staaten) spielt er einen sterbenden CIA-Agenten, der seine Taten bereut. Malkovich spielt ihn wunderbar, mit trockenem Witz und großer Verletzlichkeit. Seinem Chris entgleitet das Gedächtnis, er trägt Merkzettel in der Jackentasche, schwärmt von Dinosauriern und erzählt im selben beiläufigen Ton von den Menschen, die er getötet hat. McDonaghs Film ist klug und komisch. Er spricht über Politik und über die Geopolitik des Kalten Krieges in einer Form, die sich gut verdauen lässt und dennoch Bewunderung verdient, und er wäre ein ebenso würdiger Sieger gewesen. Zweimal war Malkovich für den Oscar nominiert, gewonnen hat er ihn nie. Diese Rolle wird das hoffentlich ändern.

Den Silbernen Löwen, den Großen Preis der Jury, gewann Lee Chang-dong mit „Possible Love“, seinem ersten Film seit acht Jahren (unsere Kritik „Possible Love“: Lee Chang-dong dreht seine Antwort auf „Parasite“). Eine wohlhabende Dokumentarfilmerin dreht darin einen Film über einen Arbeiter, der nach einem brutal niedergeschlagenen Streik seine Stelle verloren hat, und seine Frau. Lee zeigt, wie das Geld jede Begegnung zwischen den beiden Familien bestimmt, und fragt dabei, wem der Schmerz gehört, den ein Filmemacher auf die Leinwand bringt. Als Lee den Preis entgegennahm, sagte er, er habe diesen Film gemacht, um in einer Zeit, in der die Arbeit verschwindet und die Verbindungen zwischen Menschen reißen, zu fragen, was das Kino kann und was es muss. Seine Schauspieler waren zu dem Zeitpunkt schon auf dem Filmfestival in Toronto, dem nächsten Halt des Films, der seine Reise in Venedig gerade erst begonnen hatte.
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