Man kommt nach Venedig und nimmt das Vaporetto zum Lido. Direkt, oder mit einem Umweg über den Canal Grande, denn es wird wahrscheinlich das letzte Mal sein, dass man ihn in den nächsten zehn Festivaltagen bewundert. Danach sitzt man fest auf dem Lido und sieht Filme.
Das erste Ereignis für die akkreditierten Journalisten war die Pressekonferenz der Jurys, die eigentlich nicht stattfinden sollte, weil der Festivalleiter Alberto Barbera seine Jury vor kniffligen Fragen der Journalisten schützen wollte. Tatsächlich wurde auf die Biennale viel Druck ausgeübt. Die Initiative Venice4Palestine hatte wenige Tage vor Festivalbeginn einen offenen Brief veröffentlicht, unterschrieben von mehr als 200 Filmschaffenden, unter ihnen Guy Piarce, Céline Sciamma und Annie Ernaux. Das Festival solle eine klare Position zur Lage in Gaza beziehen. Aus diesem Grund rutschte auch der Dokumentarfilm „Naza“ nur wenige Tage vor dem Festival ins Wettbewerbsprogramm, ein Film über den Gaza-Krieg von Yuval Abraham und Rachel Szor.

Die Pressekonferenz fand dann doch statt, und so kamen die Fragen nach Politik, nach dem Frauenmangel im Wettbewerb und Ähnlichem. Die Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal, also eben auch eine Frau, reagierte gleich mit Humor “Es ist nun endgültig erwiesen, dass Männer bessere Filme machen als Frauen“. Das war wohl die Quittung für Alberto Barbera, der zur Programmvorstellung sinngemäß erklärt hatte, es gehe nicht um Männer und Frauen, man habe eben keine guten Filme von Frauen gesehen. Danach fuhr Gyllenhaal etwas ernsthafter fort, dass Frauen anders erzählen, dass es strukturell schwieriger sei, an Geld zu kommen, dass jemand entscheide, was als hohe Kunst gelte, und dass dieser Jemand selten eine Frau sei. Sie sagte alles richtig, es wirkte aber einstudiert und inszeniert. Und auf die Frage, wie politisch das Kino sein dürfte, antwortete sie mit einem Wort “Empathie”, das zum Wort des Tages wurde. Sie sagte, Filme seien nicht dafür da, über Politik zu entscheiden oder Position zu beziehen, sondern Empathie zu erzeugen. Und das ist schon politisch genug.
Der Mann, der das Lächeln beherrscht
George Clooney bekam dieses Jahr den Goldenen Ehrenlöwen aus den Händen seiner Kollegin Laura Dern und davor sprach er mit den Journalisten. Und alle wussten sofort: George Clooney zu sein ist ein Beruf. Sein charmantes Lächeln hat er in L.A. gelernt, zusammen mit dem professionellen Schauspielhandwerk. Dieses Lächeln kommt in regelmäßigen Intervallen, beinahe hat man den Verdacht, es sei ein Gesichtsspasmus und kein Ausdruck einer Emotion. Er kann wunderbar denken und noch besser seine Gedanken artikulieren. Die Journalisten bombardierten ihn mit Fragen. Zuerst wurde er daran erinnert, wie letztes Jahr in Venedig sein Protagonist Jay Kelly auch einen Ehrenpreis in Italien bekam, und man wollte wissen, ob er diesmal nicht nostalgisch sei.

„Mit 65“, antwortete er, „ist alles nostalgisch. Wenn ich mir meine Zähne putze und mich dabei im Spiegel anschaue, denke ich, dass ich früher viel schönere Zähne hatte“. Auf die Frage nach „heute und KI“ sagte er, dass man früher gewarnt wurde: „Glaub nicht alles, was du hörst“. Heute, mit gefälschten Bildern, müsse man sagen: „Glaub nicht alles, was du siehst“. Und auf alle anderen Krisen der Menschheit angesprochen, antwortete er, dass wir Menschen nicht fähig seien, etwas im Voraus zu lernen. Egal was, ob Klima, Technologien oder andere Krisen, es kommt, es trifft uns, und erst dann finden wir einen Weg. Die Fragen kreisten selbstverständlich auch um seine Karriere. Und jede Karriere verläuft seiner Meinung nach nie gerade. Sie geht abwechselnd hoch und runter. Und wenn du unten bist, kannst du nur hoffen, dass die Leute, zu denen du einmal nett war, jetzt nett zu dir sind.
Interessanterweise wurden fast alle anwesenden Schauspieler und Regisseure am ersten Tag gefragt, ob es den Journalistenberuf noch lange geben werde. Bei Clooney lag es vielleicht nahe, da er aus einer Journalistenfamilie kommt und mit „Good Night, and Good Luck“ von 2005 einen Film über Journalisten gedreht hat. Er antwortete, eine Gefahr sehe er darin, dass die größten Informationsplattformen inzwischen den reichsten Menschen der Welt gehören und wer die Medien kontrolliert, kontrolliert am Ende alles. Danny Boyle, der gleich nach Clooney über seinen neuesten Film „Ink“ sprach, antwortete, dass Journalismus der beste Aufstand jeder Zivilisation sei. Journalisten fordern die Macht heraus. Die Gefahr bestehe darin, dass es wahrscheinlich KI-Journalisten geben werde und diese viel gefügiger und billiger sein werden. Aber werden diese KI-Journalisten die Wahrheit gegenüber der Macht aussprechen, die sie selbst geschaffen hat?

Ink: laut in einer leisen Welt
„Ink“, so der Titel des Eröffnungsfilmes, handelt nicht von Tätowierungen, wie viele dachten. Es geht um Rupert Murdoch und die Zeit, als er die britische Zeitung „The Sun“ im Jahr 1969 kaufte und sie zur meistgelesenen Publikation in Großbritanniens machte. Guy Pearce spielt Murdoch, der Larry Lamb (Jack O‘Connell) als Chefredakteur an Bord holt, einen in London viel geschmähten Nordengländer, den das Establishment und die Fleet Street übersehen hatten und der genau deshalb bereit ist, alles umzuwerfen. Murdoch und Lamb bauen eine Redaktion auf, die auf größere Schlagzeilen, Sex, Sport, Skandale und große Bilder statt Texte setzt. Und es funktioniert so gut, dass wir heute in dieser oberflächlichen Gesellschaft leben, die wenig denkt und meistens folgt. Der Film ist brüllend laut, frontal in Ton und Tempo, genauso laut wie die Zeitung selbst.
Einer der kontroversesten Momente im Film ist die Entführungsgeschichte, die „The Sun“ öffentlich macht. Die Ehefrau von Murdochs Stellvertreter wurde von zwei Brüdern verschleppt, die sie für Murdochs Frau hielten. Die Entführer werden dank der Berichterstattung festgenommen, das Opfer stirbt. Die Geschichte sorgte dafür, dass die Redakteure als amoralisch dastanden, die wegen des Profits PrivatinforMationen preisgeben. Aber die Entscheidung traf der Ehemann des Opfers. Ob er in einem Ausnahmezustand war oder als Murdochs Mann von Gier besessen auch die Auflagenzahlen der „The Sun“ oben sehen wollte war nicht ganz klar. Er war jedenfalls auch dabei. Was der Film jedoch auch anspricht, ist noch etwas anderes. „The Sun“ wurde so aufgebaut, dass Schwächen und menschliche Laster unterstützt und herausgehoben wurden, in Form einer ganz primitiven Bildkultur, laut und billig, abgedruckt.

Man hat der Gesellschaft weggenommen, was sie versteckt hielt, hat es verkauft, als sei es in Ordnung, und genau darin leben wir heute, in einer Gesellschaft, die wenig liest und vorgegebene Bilder konsumiert, sich durchscrollt wie damals das Tabloid, ohne viel nachzudenken. Die nicht das eigene Leben lebt, sondern Anderen folgt. Als Murdoch die Zeitung 1969 übernahm, kam er an einen stillen Teich und warf einen Stein hinein. Die Wellen waren die Revolution. Heute ist die Welt bereits laut, schrill, schnell. Ob man darin gewinnt, indem man noch lauter wird? Vielleicht wäre inzwischen die Stille der Coup.
Zwei Schwestern, ein Käfig
Die Schwestern Jean und Joan Holbrooke, gespielt von Kate und Rooney Mara, tragen identische Kleidung, gehen und sprechen synchron bis hin zu dem Versprecher, der dem Film seinen Titel gibt. „Bucking Fastard“ beginnt vor Gericht, wo ihr Nachbar und ehemaliger Liebhaber Gareth Mulroney (Orlando Bloom) eine einstweilige Verfügung gegen sie erwirkt. Die verliebten Schwestern verfolgen ihn auf Schritt und Tritt, erst recht, als sie erfahren, dass er verheiratet ist. Sie sprechen von Liebe, doch es wirkt wie Besessenheit. Aber ist es ihre Schuld?

Seit ihrer Kindheit waren sie auf sich allein gestellt. Nach dem Prozess werden sie von Männern verfolgt, angepöbelt und belästigt, bis sie sich schließlich bei einer entfernten Tante auf dem Land niederlassen. Dort entdecken sie ein neues Hobby. Sie graben einen Tunnel durch ein Gebirge zu einem Ort, an dem sie glauben, dass Liebe möglich ist. Der Film basiert auf der wahren Geschichte der Schwestern Greta und Freda Chaplin aus dem England der 1980er-Jahre. Der Regisseur Werner Herzog opferte die realen Ereignisse jedoch, um ein Märchen über zwei Frauen zu erschaffen, die nicht in diese Welt passen. Aus unerfindlichen Gründen widmete er den Film David Lynch und kündigte das im Vorspann an. Nichts deutet jedoch auf diesen Regisseur hin; Kubrick und sein Film „The Shining“ wären die passendere Widmung gewesen. In einem Gespräch mit Journalisten verteidigte sich Herzog mit der Erklärung, er habe Lynch seinen Film zeigen wollen. Eine weitere Unklarheit ist der Titel selbst, der angeblich nach Orlando Blooms Figur benannt wurde. Doch dieser Mann ist nur wenige Minuten im Bild zu sehen. Der Regisseur glaubt, mit dieser Rolle Bloom von seinem Image als Teenie-Held gerettet zu haben. Nun ja, er machte ihn lieber zu einem Mistkerl.
Kino & Kunst
Cinema, art, and culture, since 2012.