Film

Gewalt, Korruption und soziale Ungerechtigkeit in „New Bollywood“

Bunte B-Filme mit Tanz und Musik dominieren vielleicht die Kinoleinwände zu Hause in Indien. Während der internationalen Filmfestivals zeigen indische Filmemacher jedoch andere Produktionen, die Gewalt, Korruption und soziale Ungerechtigkeit in diesem Land zeigen.

Bollywood ist weltbekannt für zauberhafte Fantasien, wunderschöne Szenerien und attraktive Helden. Die Liebe gehört genauso zum Plot wie die Tatsache, dass der Mann am Ende immer die Frau kriegt – oder umgekehrt. Diese relativ einfach konzipierten Märchen treiben jährlich Millionen Zuschauer in Indien und der ganzen Welt ins Kino und sorgen für reiche Gewinne. Und so soll es auch bleiben, oder etwa nicht?

Immer mehr Filmemacher der indischen Kinoindustrie zeigen eine andere Realität des Landes und bringen auch Bilder voller Leid zu internationalen Filmfestspielen. Wie einst in den 1970er-Jahren in Amerika, die wir unter der Bezeichnung „The New Hollywood“ kennen, kommen immer mehr Filme aus Indien, die Gewalt und Sex darstellen und offensichtlich von den Zensoren zugelassen werden. Filme wie „Zinda“ (2006) oder „Ghajini“ (2008) haben die Darstellung von Gewalt auf eine komplett neue Stufe gehoben. Natürlich sind es vorerst nur kleine und unabhängige Produktionen, die ihre Stimmen erheben. Diese präsentieren jedoch Indien dem internationalen Publikum und können nicht mehr vom Bollywoodschen Studio-System ignoriert werden, zumal der oft konservative Zuschauer sich auch langsam verändert und nach anspruchsvollen Filmen verlangt.

„Noch vor wenigen Jahren konnten wir solche Filme in Indien nicht drehen. Nicht nur, weil wir keine mutigen Produzenten finden konnten und auch keine Finanzierungshilfen, sondern weil wir kein Publikum dafür hatten“, sagt der Regisseur Hansal Mehta. In der maskulinen Welt Bollywoods mit seinen gefeierten Stars wie Salman Khan und Amir Khan, die ihre muskulösen Körper gerne zu Schau stellen und den offenkundigen Machismo proklamieren, wirkt ein Film wie „Aligarh“ von Hansal Mehta eher schockierend. Es handelt sich dabei um eine wahre Geschichte über einen Professor, der Marathi an der Universität in Aligarh unterrichtet und alles verliert, inklusive seines Lebens, als seine Homosexualität bekannt wird. Der Film eröffnete im Oktober 2015 das Filmfestival in Mumbai (MAMI) und wurde von zahlreichen Kritikern gefeiert. Plötzlich wurde ein Homosexuelle nicht mehr wie früher in bunter Kleidung und übertrieben weiblichem Habitus gezeigt, sondern als intelligenter und sensibler Mensch, ein Dichter, der durch und durch sympathisch wirkt.

Dieses Jahr im März kam eine Antwort aus Bollywood, eine teure Studio-Produktion von „Fox Star“ – „Kapoor & Sons“, die zeigt, dass auch das Mainstreamkino die Auseinandersetzung mit kontroversen Themen sucht. Die Angehörigen einer neuen Generation indischer Zuschauer, die häufig in UK, Australien oder in den USA leben, suchen nach anderen Geschichten, die die wahre Realität widerspiegeln.

Auch das Thema der weiblichen Sexualität ist heute immer häufiger Gegenstand einer filmischen Auseinandersetzung. Vor allem, nachdem der in Kanada geborene indische Porno-Star Sunny Leone in Bollywood bekannt wurde, aber auch nachdem die israelische Filmemacherin Leslee Udwin in ihrem Dokumentarfilm „India’s Daughter“ im Jahr 2012 über die Gewalt an einem Mädchen in einem Bus in Delhi zeigte und das Thema „Frau in der indischen Gesellschaft“ ansprach.

Aishwarya Rai Bachchan in "Sarabjit" (2016)

Aishwarya Rai Bachchan in „Sarabjit“ (2016)

Im gleichen Jahr wurde ein Film in Indien gedreht, der heute noch Zuschauer schockiert. „Gangs of Wasseypur“ von Anurag Kashyap fand bei den damaligen Filmfestspielen in Cannes für eine große Resonanz. Fünf Stunden Gewalt! 2016 ist Anurag Kashyap wieder auf dem Filmfestival in Cannes mit seinem neuen Beitrag „Raman Raghav 2.0 (Psycho Raman)“ im Programm „Quinzaine des Réalisateur“ (dt.: „Zwei Wochen der Regisseure“), das talentierte Regisseure und ihre ungewöhnlichen Werke zeigt.

Darin geht es um einen Killer namens Ramanna (Nawazuddin Siddqui), der sich von dem einst berüchtigten Psychopathen Raman Raghav inspiriert fühlt. Letzterer hat in den 1960-er-Jahren in Bombay zahlreiche Menschen ermordet. Der Fall von Ramanna wird von einen Polizisten (Vicky Kaushal) untersucht. In seiner Uniform scheint jedoch ein nicht weniger gefährlicher Psychopath zu stecken. Bald wird in diesem Spiel immer unklarer, wer nun der Jäger und wer der Gejagte ist. Je länger sich die beiden bekämpfen, desto mehr verschwinden die Grenzen zwischen ihnen. Kashyap ist zuversichtlich, dass die indische Zensur solche Filme wie diesen freigeben wird. Der Filmemacher ist allerdings fest entschlossen, weiterhin ähnliche Filme zu drehen: „Ich will über Realität sprechen. Egal, welche Hürden mich erwarten, ich erzähle meine Geschichten weiter“.

In einer anderen Produktion namens „Sarabjit“ geht es um das ewige Thema „Folgen der Partizipation und Beziehungen zwischen Indien und Pakistan“. Es ist nichts Neues, dass die rivalisierenden Nachbarn sich seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1947 immer wieder bekämpfen. Der Film greift allerdings ein weiteres Leidensthema Indiens auf, die Ungerechtigkeit und Korruption der Macht, unschuldige Insassen in Gefängnissen, die brutale Gewalt erleiden und sterben. Im Fall von Sarabjit geht es um eine wahre Geschichte, die noch vor ein paar Jahren für die Schlagzeilen in Indien und weltweit sorgte. Der zum Tode verurteilte Sarabjit Singh aus Punjab sollte angeblich bei einer Reihe von Bombenattentaten in Pakistan mitgewirkt hat. Tatsächlich lebte er nah an der pakistanischen Grenze und landete eines Nachts aus Versehen auf falscher Seite. Sofort wurde er von der pakistanischen Obrigkeit festgenommen, eingesperrt und starb schließlich nach 17 Jahren in einem pakistanischen Gefängnis.

Die Geschichte wurde von dem Regisseur Omung Kumar verfilmt und von der kleinen Produktion „Pooja Entertainment“ aus Mumbai auf den Markt gebracht. Der Film kam nun auch nach Cannes, um internationale Käufer zu finden. Aishwarya Rai Bachan hat die Rolle von Dalbir Kaur – der mutig kämpfenden Schwester von Sarabjit – übernommen. Den Täter spielt Indiens führender Schauspieler Randeep Hooda. Seine Frau wird von Richa Chadda dargestellt, die bereits durch „Gangs of Wesseypur“ und insbesondere durch „Masaan“ bekannt wurde. Sicher gibt die Anwesenheit eines Superstars wie Aishwarya Rai der Produktion die nötige Publicity und die Macher können sogar auf kommerziellen Gewinn hoffen.

Im Gegensatz zu „Raman Raghav 2.0“ birgt der Film durch Sing-, und Tanzszenen auch mehr Unterhaltung. Allerdings setzt der Film eine lange Diskussion des indischen unabhängigen Kinos fort, die bereits in mehreren ähnlichen Produktionen wie „Visaaranai“ (engl.: „Interrogation“) vor ein paar Jahren die Polemik über Gewalt staatlicher Institutionen in Indien eröffnete. Indiens Kultur ist vielfältig. Seit kurzem wissen wir, dass sie auch nach Offenheit strebt und solche Themen wie Sexualität, Religion oder Gewalt nicht mehr verschweigt.