Film

Das 36. Filmfest München: Verbrechen und Strafe.

Das Leben ist ungerecht. Die Reichen werden immer reicher, die Armen hingegen ärmer. Ein Verbrecher macht Profit, anständiger Bürger bekommt Strafe. Deshalb kann uns nur das Kino eine wunderschöne, gerechte Welt zeigen, die es in Wirklichkeit nicht mehr gibt. Doch manche Filmemacher ignorieren die Tatsache, dass der Ursprung des Kinos in der Unterhaltung liegt. Sie fühlen sich berufen, Aufklärung über das Schwere im Leben zu liefern. Das gilt vor allem für Dokumentarfilmer; wohl weil sie meinen, ein Dokumentarfilm zeige eine objektive Welt!

„Welcome to Sodom“ Weigensamer & Krönes © Filmfest München

Der ehemalige ORF-Redakteur Christian Krönes drehte zusammen mit dem TV-Journalisten Florian Weigensamer „Welcome To Sodom“. Darin geht es um eine illegale Mülldeponie in Ghana, auf der Tonnen von Elektroschrott aus Europa und den USA entsorgt werden. Der Ort wird „Sodom“ genannt. Tausende von Menschen wohnen und arbeiten im giftigen Dampf des Schrotts, der dort verbrannt wird. Viele Szenen der Dokumentarchronik muten so an, als ob die Filmemacher dem westlichen Zuschauer unter die Nase reiben wollen, wie benachteiligt manche Menschen auf der Welt sind oder was die ‚Hochentwickelten’ den ‚Unterentwickelten’ angetan haben. Wenn wir jedoch die fröhlich im Schmutz tanzenden Afrikaner beobachten, und wie sogar deren Kinder jedes Gerät gekonnt auseinander nehmen und wie ihre Eltern die scheinbar wertlosen Maschinen reparieren, dann stellt sich eine ganz andere Frage, nämlich die, wer hier eigentlich hoch- und unter -entwickelt ist, derjenige, der in einen Konsumrausch fällt und nicht mehr in der Lage ist, handwerklich zu arbeiten oder derjenige, der Flexibilität besitzt und um der Umwelt willen Waren recycelt.

„Samouni Road“ Stefano Savona © Filmfest München

„La Strada di Samouni“ von Stefano Savona berichtet über die Folgen des Krieges in Gaza-Stadt. Da sind Einwohner zu sehen, die vor ihren halb zerstörten Hütten sitzen und sich über ihr hartes Leben beschweren. Natürlich werden die Menschen aus dem Westen als richtige Dämonen dargestellt, die nur Übles und Verstörung bringen! Die normalen Zuschauer aber, die in München, Paris, London oder New York ins Kino gehen, für die Mitleid und Gerechtigkeit keine Fremdwörter sind, diese Bürger sind in ihren eigenen täglichen Misere nicht allzu weit von den benachteiligen Darstellern entfernt. Jemand, der für Kriege und Mülldeponien zahlt und davon profitiert und auch in der Lage ist, fünf Millionen Dollar für die Geburtstagfeier seines 15-jährigen Sprösslings auszugeben, wird sich „Sodom und Samouni“ wohl nicht ansehen. In deren Horizont  passen eher solche Produktionen wie „Star Wars“, „Arrival“ oder – wenn sie wollen – „La La Land“ (ein toller Film übrigens!). Die Alpträume sind dann eher dem Normalo, also demjenigen, dem eingeredet wurde, dass jeder schuld und verantwortlich sei. Man möchte einige Filmemacher an den Ursprung des Kinos erinnern und auch daran, dass ein Film immer noch etwas Unterhaltung bieten sollte.

Will man aufklären – bitte schön! Zeigen Sie doch, wer im Krieg Profit erzielt, wie und wo Geld gewaschen wird (übrigens zu 65 % im englischsprachigen demokratischen Westen) oder wie die Politik den Konsum unterstützt! Das wird sicherlich unterhaltsamer als eine schlechte Nachricht, die die “eine armen Sau der anderen“ überreicht. Filme wie „Ammore e Malavita“ von den Gebrüdern Manetti oder „Diamantino“ von Gabriel Abrantes und Daniel Schmidt lohnen sich eher anzusehen, weil sie letztendlich „ehrlicher“ sind. Sie sprechen auch vom Verbrechen, vielleicht gemischt mit etwas Kitsch, eine Menge filmischer Klischees, aber mit viel Unterhaltung. Und so bringen sie mehr Qualität in unser „abgedroschenes“ Leben.

„Diamantino“ Gabriel Abrantes & Daniel Schmidt ©Filmfest München

Diamantino hat einen unverwechselbaren Look und das sportliche Talent des portugiesischen Fußball-Idols Cristiano Ronaldo. Im Vergleich zum echten Ronaldo ist sein Filmdoppelgänger aber ein unschuldiges, kindisches und unbedarftes Wesen, das von seinen teuflischen Zwillingsschwerster ausgebeutet wird. Er sieht rosa Welpen und mag Schokowaffeln, die Schwester nur sein Geld. Diamantinos verpasster Ball bei der Weltmeisterschaft in Russland wird von der lokalen Politik als Signal für eine finstere Kabale gedeutet und der Rückzug Portugals aus der Europäischen Union wird rasch vorbereitet. Um den gefallenen Helden zu ihrem Maskottchen zu machen oder, wie es heißt, „dem Spieler eine zweite Chance zu geben“ sowie „Portugal wieder groß zu machen“ wird der Fußballer nun gegen seinen Willen geklont. Sein bezahltes Image soll aber dem Investor weiter dienen. Das Ende von allem könnte nicht kitschiger sein, doch es macht gute Laune. Der Film erfüllt also zum größten Teil seinen Zweck. Und die politischen Lobbys, ob Pro- und Contra-EU, haben auch etwas davon – eine der dümmsten und lustigsten filmischen Umsetzung ihrer Ideen.

„Ammore e Malavita“ Manetti Bros Will © Filmfest München

Kriminell geht auch in „Ammore e Malavita“ zu. Nur werden hier die illegalen Geschäfte nach Neapel verlegt, ins Zentrum der berüchtigten süditalienischen Mafia. Der Fischkönig Don Vincenco und seine vom Kino besessene Ehefrau Donna Maria wollen aus dem Gangsterleben aussteigen. Dafür müssen sie aber die halbe Stadt verwüsten und ihre letzten Rollen spielen, eben genau wie im großen Kino. Don Vincenco muss sich zum Schein umbringen lassen, seine treue Witwe soll die Rolle ihres Lebens spielen. Wenn alles klappt, warten 24 versteckte Diamanten und die karibische Küste auf sie. Alles wäre nach Plan gelaufen, gäbe es nicht diese „kleinen unbedeutenden normalen Menschen“, die sich überall mit ihren banalen Gefühlen wie der Liebe einmischen. Alle Protagonisten müssen nicht nur spielen, sondern auch singen und manche sogar tanzen. Der Gesang kommt in völlig unerwarteten Situationen, was dem Film zusätzliche Komik verleiht. Es gibt sogar eine Version von „What a feeling“ auf Neapolitanisch. Und die Gerechtigkeit wird natürlich wiederhergestellt, wie man es sich vom großen Kino erwartet. Sicherlich muss jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden, welches Kino seinem Geschmack entspricht sowie mit welchen Emotionen er das Kino verlassen will: emotional bestraft oder emotional erholt.