Film

Frauenleben heute

Kurz bevor die Menschen auf der ganzen Welt nach Hause geschickt wurden – um wegen der Virusepidemie einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern – hatte die internationale Filmindustrie doch noch Glück: Die Berliner Filmfestspiele fanden vom 20. Februar bis 1. März 2020 statt. 

Der Wettbewerb war etwas müde, denn mehrere stimmungslose Low-Budget-Filme vermittelten eine düstere Atmosphäre unseres Alltags. Um etwas Spannung ins Ereignis zu bringen, suchte man nach Skandalen, seien es uralte Kommentare des Jury-Präsidenten Jeremy Irons über homosexuelle Ehen oder Abtreibungen, die längst für ihn selbst irrelevant geworden sind oder der Druck, den ein unbekannter chinesischer Finanzier angeblich ausübte, die Premiere des neuen Dokumentarfilm von Ai Weiwei zu verhindern. Ausgerechnet zum 70. Berlinale-Jubiläum kam ans Licht, dass der ehemalige Berlinale-Chef Alfred Bauer, der das Festival von 1951 bis 1976 leitete, ein frühes Mitglied der NSDAP gewesen ist. Den Alfred-Bauer-Preis setzte man daher erstmal aus. Schließlich, als die Brillanz des Events nachließ, dachte man endlich an die Frauen. Nun war es Zeit, sie auf die Bühne zu holen.

Sidney Flanigan als Autumn in NEVER, RARELY, SOMETIMES, ALWAYS, ©Focus Features

Die amerikanische Independent-Regisseurin Eliza Hittman reiste zur Berlinale mit dem faszinierenden Titel „Never Rarely Sometimes Always“. Der Film erzählt eine einfache Geschichte über ein Teenager-Mädchen namens Autumn, das mit seiner Freundin Skylar nach New York fährt, um dort eine ungewollte Schwangerschaft mit einer Abtreibung zu beenden. Dies ist ein Film mit kaum Aktion und wenig Dialogen. Alles geschieht in Mitteltönen: Die Filmkamera fokussiert auf Gesichter, kleine Geste und spärliche Tränen, eigentlich auf das, was sich im Leben der modernen amerikanischen Frauen heute kaum verändert hat, seitdem vor fünfzig Jahren die erste Emanzipationsbewegung stattfand. Mädchen im heutigen Amerika werden immer noch als Objekte oder Beute behandelt: Sei es von einem Typen in einem Restaurant, der unanständige Gesten macht, sei es durch den Manager eines Supermarkts, der die Hände weiblicher Angestellten küsst oder durch den Perversen, der in einer U-Bahn seinen Schwanz herauszieht. Das Schlimmste an der Situation ist, dass diese Vorfälle beide Freundinnen nicht überraschen. Heutige Frauen navigieren immer noch in einer Welt voll toxischer Männlichkeit, wo ihnen ständig Hindernisse in den Weg gestellt werden.

Talia Ryder als Skylar in NEVER, RARELY, SOMETIMES, ALWAYS, ©Courtesy of Focus Features

Der Titel des Films bezieht sich auf eine Szene, in dem eine Sozialarbeiterin der Abtreibungsklinik folgende Fragen stellt: „Wann hatten Sie zum ersten Mal Sex?“, „Wurden Sie jemals zum Sex gezwungen?“, „War Ihr Partner Ihnen gegenüber schon einmal gewalttätig?“ und Autumn muss diese Antworten geben: „niemals, selten, manchmal, immer“. Ihre Stimme wird allmählich leise, und man bekommt den Eindruck, dass die junge Frau endlich gezwungen ist, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die sie im Inneren begraben hat. Am Ende versteht auch der (weibliche) Zuschauer, was heutzutage mit Frauen passiert: Ihre Selbstbestimmungsrechte sind zum Stoff einer Heldenreise geworden, in deren Verlauf sie auf sich allein gestellt sind oder – wie im Film – nur noch ihre Freundschaft haben. Für ihr Werk bekam die Amerikanerin Eliza Hittman den Großen Preis der Jury.  

Kim Minhee und Kim Saebyuk in THE WOMAN WHO RAN ©Jeonwonsa Film Co. Production

Ein anderer Frauenfilm „The Woman who ran“ kam unerwartet vom 60-jährigen Koreaner Hong Sang-soo. Darin geht es um Gam-hee, die ihre Freundinnen besucht, während ihr Ehemann auf einer Geschäftsreise ist. Gam-hee reist von einer Freundin zu nächsten. Auch in diesem Film machen Frauen nichts Großartiges, sie essen bloß gemeinsam, trinken und reden. Dennoch werden die Szenen friedlicher Gespräche von irgendwelchen Männern unterbrochen, ob von einem Nachbarn, der sich über eine wilde Katzen beschwert, die gefüttert wird oder von einem Jüngling, der mit einer älteren Frau geschlafen hat  und nun sie täglich belästigt. Auch Gam-hee kommt an die Reihe. Bis jetzt hat sie ihr Ehemann kein einziges Mal während ihrer fünfjährigen Ehe alleingelassen. Er fand, dass Liebende immer zusammen sein müssen. Sobald sie aber etwas Abstand von ihm gewinnt, setzt sie sich ebenfalls mit ihrem Leben, der Vergangenheit auseinander und fängt an, Fragen zu stellen. Der Regisseur kommentierte den Titel seines Filmes indem er sagte, er konnte sich nicht entscheiden, wer von allen seinen Protagonistinnen die wegrennende Frau sein sollte, ober einer konkret oder sie alle zusammen, die sich von Männern, Unzufriedenheit, Unterdrückung oder Gewalt befreien wollen. Für seinen Film wurde Hong Sang-Soo mit dem den „Silbernen Bären“ für die beste Regie ausgezeichnet.

Paula Beer in “Undine” ©Christian Schulz/Schramm Film

Ein anderer Berlinale-Beitrag kommt ebenfalls von einem männlichen Kollegen, dem deutschen Regisseur Christian Petzold. Er benannte seinen Film nach der Wassernymphe Undine, die sich ihrem weiblichen Schicksal seit Jahrhunderten widersetzt, indem sie untreue Männer tötet. Petzolds Undine ist kein mythologisches Wesen, sondern eine Historikerin, die in Berlin lebt und beider Stadtentwicklung arbeitet. Wie jede moderne Frau sieht sie Männer kommen und gehen. Doch hier geht es um Undine, die weiß, was ihre Mission nach der uralten Erzählung bedeutet, auch wenn sie versucht, den Kreislauf zu durchbrechen. Gleich nachdem sie von ihrem Freund verlassen wird, trifft sie ihre neue Liebe, den Industrietaucher Christoph, einen sensiblen Liebhaber sowie treuen und hingebungsvollen Mann. Es sieht dennoch so aus, als ob die Frauen verflucht sind, auch wenn sie sich Mühe geben, ihrem jahrhundertealten Schicksal zu entkommen: Sie muss töten. Petzolds Film hat zwei interessante Aspekte: Erstens den Versuch einer Neu-Interpretierung der uralten Legende und zweitens die schauspielerische Leistung der vor kurzem noch eher unbekannten Schauspielerin Paula Beer. Das Werk hat aber auch einige Schwächen, wie etwa die viel zu detaillierten Erklärungen, ohne die Tiefe mancher Ideen zu entwickeln. Denn falls der Hauptgedanke des Filmes ist, dass Frauen ihrem Schicksal nicht entgehen können, – wäre das doch eine ziemlich düstere Auffassung. Der Film blieb jedoch nicht ganz unbemerkt: Die 25-jährige Undine – Paula Beer – hat den Silbernen Bären als beste Schauspielerin gewonnen.

Hillary Clinton bei Photocall, Berlinale 2020 ©tr

Da die Berlinale immer auch politisch wirkt, war es selbstverständlich, Politiker als Teilnehmer des Festivals zu verpflichten. Diesmal war es eine Politikerin, Hillary Clinton, die Ex-US-Außenministerin, die vor vier Jahren im Wahlkampf Donald Trump unterlegen war. Sie stellte auf der Berlinale die über sie gedrehte dokumentarische Biografie „Hillary“ vor und verpasste nicht die Gelegenheit, das Festival als Plattform zu nutzen, um über ihre Ansichten zu berichten. Trotz möglicher Widersprüche ihrer Präsentation, eines rief zweifellos Bewunderung hervor: Die 72-jährige Politikerin ist noch nicht bereit, sich ins Privatleben zurückzuziehen, sondern freut sich darauf, nach vorne zu blicken, viel tun und jeden Tag etwas zu sagen.   

Helen Mirren ©Alexander Janetzko / Berlinale 2020

Eine andere Frau, die mit den gängigen Stereotypen brach, wurde ebenfalls auf der Berlinale gefeiert. Helen Mirren erhielt den Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk. Die Rollen der Britin lassen sich wenig auf einen Typus festlegen, denn sie hat alles gespielt, von vulgären Frauen der Unterschicht bis zu edlen Königinnen. Sie bediente sich nicht der gängigen Klischees wie etwa dem, dass eine Frau, die Macht anstrebt, meistens erotisch die Oberhand gewinnen will. Ihre Heldinnen überwanden Hindernisse, die für andere zu hoch  waren. Zu der Zeit von „The Long Good Friday“ (1980) definierte das Kino eine Frau als ein schönes Ding, das in einer Ecke saß und mit dem man manchmal Sex hatte. Mirren wollte sich nicht als luxuriöses Spielzeug zeigen. Ihre Protagonistin erkämpfte einen zentralen Platz in der Geschichte, zeigte sich in der Lage, Probleme selbstständig zu lösen und war manchmal viel schlauer als so mancher Mann. Als Jane Tennison in der Fernsehserie „Prime Suspect“ (1991 – 2006) wuchs sie in die Rolle einer Polizistin hinein, wurde sogar Vorbild. Sie hält dem Vergleich bis heute Stand. Und natürlich war sie mehrmals Leinwand-Königin. Für ihre Rolle als Elisabeth II im Film von Stephen Frears wurde sie mit der Coppa Volpi in Venedig, mit einem Golden Globe, dem BAFTA, dem Europäischen Filmpreis und schließlich mit dem Oscar ausgezeichnet. Die Schauspielerin schuf ein komplexes Bild einer Frau, die verletzlich und ambivalent ist, aber dennoch stark bleibt, sich nicht vor Konflikten zurückzieht, doch für ihr eigenes Schicksal verantwortlich ist, kurz,  eine Frau, die wir immer öfter auf der großen Leinwand, aber noch selten im wirklichen Leben sehen.