Die intellektuellen Schlachten entbrennen in Cannes: Der Iraner Asghar Farhadi erkundet in „Parallel Stories“ den Alltag von Nachbarn, mit den fantasievollen Augen einer Schriftstellerin, die das Leben der Anderen in einen atemberaubenden Thriller verwandeln; der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski schildert in „Fatherland“ eine Episode aus dem Leben von Thomas Mann und zeichnet gleichzeitig ein Bild des Nachkriegsdeutschlands in strengen Schwarz-Weiß-Tönen; der Japaner Ryusuke Hamaguchi beweist in seinem dreistündigen Meisterwerk „All of a Sudden“, dass der Kapitalismus uns lange vor dem Alter umbringt. Aber Cannes hat nicht vergessen, warum das Publikum wirklich hierher kommt — nämlich, den roten Teppich und die Stars zu bewundern.

Zur größten Überraschung in Cannes John Travoltas Regiedebüt „Propeller One-Way Night Coach”. Er brachte den Film zusammen mit seiner bezaubernden Tochter Ella Bleu — einer der Hauptdarstellerinnen und der Muse seines Vaters — zum Festival. Zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals wurde ein Film sechs Monate vor Festivalbeginn ins Programm aufgenommen. „John kam so schüchtern zu mir und sagte, er habe einen Film gedreht, den er auf dem Festival zeigen wolle“, erinnert sich Festivaldirektor Thierry Frémaux. „Ich musste den sofort nehmen, sonst wäre er nach Berlin zur Berlinale gegangen.“ Travolta weinte, als er die erfreuliche Nachricht erfuhr: „Als Thierry mir sagte, dass der Film in Cannes gezeigt wird, habe ich Rotz und Wasser geheult.“
Der einstündige Film ist eine autobiografische Episode aus Travoltas Leben, die er in seinem einzigen gleichnamigen Buch aus dem Jahr 1997 beschreibt. Der Zuschauer wird ins Jahr 1962 versetzt: Der achtjährige Jeff besteigt zum ersten Mal in seinem Leben ein Flugzeug, obwohl diese schönen Maschinen schon immer seine größte Leidenschaft waren, genau wie im wirklichen Leben des Regisseurs selbst.
Vor einem halben Jahrhundert waren Direktflüge quer durch Amerika sehr teuer. Viele Passagiere der Economy Class flogen mit Zwischenstopps in sogenannten Propellermaschinen, die in verschiedenen Städten entlang der Route zwischenlandeten, wie Mutter und Sohn in Travolta‘s Film reisen: mit TWA quer durchs Land nach Los Angeles, verbringen die Nächte in Hotels während der Verspätungen und essen Hotdogs, Steaks und Chicken Cordon Bleu, begleitet jeweils von Cola und Champagner. Die Mutter, eine 49-jährige Schauspielerin ohne großen Namen, träumt davon, Hollywood zu erobern. Sie kettenraucht in der Kabine, wie übrigens alle Passagiere jener Zeit, und verpasst dabei keinen gutaussehenden Mann mit einem anständigen Job. Doch der Film behandelt sie mit fast transzendentaler Verehrung: Genau so nimmt Travolta seine Mutter in den Arm und feiert sie.

Travolta erklärte Journalisten, er habe die Figur seiner Mutter als eine Mischung aus ihr und seiner Schwester geschaffen: „Beide haben mich tief geprägt, waren für all meine Hoffnungen und Träume verantwortlich und haben miterlebt, wie ich sie verwirklicht habe.“ Travoltas Schwestern Ellen und Margaret haben ebenfalls kleine Rollen gespielt. Dieser Film ist in jeder Hinsicht zutiefst persönlich. Der Name der Hauptfigur, Jeff, unterscheidet sich nur durch einen Buchstaben vom Namen seines in 2009 verstorbenen erstgeborenen Sohnes Jett. Der Abspann ist ganz der Familie gewidmet und erwähnt seine verstorbene Frau Kelly Preston, seine Kinder sowie seine Eltern und Geschwister.
Der neugebackene Regisseur inszeniert den Flug im besten klassischen Still Hollywoods und beschwört dabei den „amerikanischen Traum“ herauf, der in den 1950er- und 1960er-Jahren auf der Leinwand groß gefeiert wurde. Das Einsteigen ins Flugzeug gleicht einem Gang über den roten Teppich, die Mutter trägt einen Mantel, der Liz Taylors Stil nachempfunden ist, und der Achtjährige reist in Anzug und Krawatte. Die Aussicht aus dem Fenster, das Cockpit und die Flugzeugdesigns jener Zeit werden mit der Liebe zum Detail eines Sammlers dargestellt. Die bezauberndsten Frauen an Bord sind die Stewardessen, und eine von ihnen, Doris, die zu den Klängen von „The Girl from Ipanema“ auf der Leinwand erscheint, wird von Ella Bleu Travolta gespielt. Travolta wählte den Soundtrack des Films persönlich aus – all die besten Stücke, mit denen er aufgewachsen ist und die er bewundert hat: von Gershwins „Rhapsody in Blue“ und Bossa Nova bis hin zu Mancinis „Frühstück bei Tiffany“ und Lelouchs „Ein Mann und eine Frau“. Die Musik dokumentiert nicht nur eine Ära, sondern beschwört auch deren emotionale Atmosphäre herauf. Genau das wollte Travolta dem Publikum vermitteln. „Es gab eine Zeit, in der Architektur, Luftfahrt, Kleidung und Stil vom Abenteuergeist geprägt waren und die Menschen gespannt darauf warteten, was als Nächstes passieren würde. Ich glaube, die Jugend von heute kennt diese romantische Hoffnung nicht mehr. Vielleicht ist dies einfach eine sanfte Erinnerung daran“, sagte der Regisseur über seine Motivation für das Projekt.


Am Ende des Filmes hat Travolta selbst einen Auftritt als Pilot, der in den Ruhestand geht. Die Journalisten in Cannes rätselten, ob der 72-jährige selbst daran denkt, sich zur Ruhe zu setzen. Doch der Filmemacher zerstreute umgehend alle Zweifel: „Wenn ich einen Stoff finde, der mich wirklich berührt, werde ich weiterhin vor der Kamera stehen oder selbst filmen.“

Noch mehr Gesprächsstoff lieferte Travoltas neuer Look, der in den sozialen Medien sofort viral ging: ein cremefarbenes Barett à la française, ein perfekt gestutzter Bart und Schnurrbart, eine runde, schmale Brille und ein schwarzer Dreiteiler mit weißer Krawatte. Manche verglichen ihn mit Samuel L. Jackson, andere sahen in ihm einen Pariser Intellektuellen der 1930er-Jahre vom Pariser Rive Gauche.

So oder so, niemand erkannte in diesem Mann mit dem Barett John Travolta. Vor der Filmvorführung sah das Publikum eine zehnminütige Montage mit Hommagen an den Schauspieler mit den Szenen aus seinen berühmten Filmen: „Saturday Night Fever“, „Grease“, „Pulp Fiction“, „Face/Off“, „Phenomenon“, „Michael“, „Staying Alive“ und vielen anderen. Nach der Vorführung überreichte der Festivaldirektor dem frischgebackenen Regisseur eine Überraschung: die Ehrenpalme für sein Lebenswerk. „Als Sie sagten, ich hätte eine Überraschung, konnte ich mir nicht einmal vorstellen, was es sein würde“, sagte der gerührte Schauspieler. „Diese Ehrenpalme bedeutet mir mehr als ein Oscar.“ Übrigens war Travolta in seiner fünfzigjährigen Filmkarriere für „Saturday Night Fever“ und „Pulp Fiction“ jeweils für einen Oscar nominiert, ging aber beide Male leer aus.