Kein Schauspieler bewegt sich so elegant wie John Travolta. In den 1970er und 1980er Jahren war er der König der Tanzflächen — zunächst als Tony Manero in Saturday Night Fever (1977), dann als Danny Zuko in Grease (1978) und wieder als Tony Manero in Staying Alive (1983). Ein Fieber erfasste die Diskotheken: Männer in engen Hosen und hochhackigen Schuhen drängten auf die Tanzflächen und ahmten Travoltas Bewegungen nach.
Doch in den 1980er Jahren verschwand er ebenso abrupt von der Bildfläche, wie er aufgetaucht war. Die Rettung kam von einem damals völlig unbekannten Regisseur: Quentin Tarantino holte ihn für Pulp Fiction (1994) zurück ins Rampenlicht.
Bei den 79. Filmfestspielen in Cannes präsentierte Travolta sein Regiedebüt Propeller One-Way Night Coach. Der frischgebackene Regisseur sprach über Träume, Verluste und die Kunst des Himmels.

Ihr neuer Look hat viele überrascht…
Diesmal trete ich als Regisseur auf, also wollte ich mir ein entsprechendes Erscheinungsbild schaffen. In meiner Vorstellung sahen die großen Regisseure der 1920er bis 1960er Jahre genauso aus.
Weshalb haben Sie bei der Verleihung der Goldenen Palme geweint? Normalerweise ist das ein Moment der Freude …
Die Tränen kamen eigentlich schon viel früher, als Thierry Frémaux mich fünf Monate vor dem Festival anrief und sagte, mein Film sei ausgewählt. Zum ersten Mal in der Geschichte von Cannes wurde ein Film so früh ins Programm aufgenommen. Thierry hatte Angst, dass uns die Berlinale zuvorkommen konnte. Das verstehe ich. Die Ehrenpalme selbst hat mich dann völlig überrascht. Man sagte mir nur, es gebe eine Überraschung. Aber das? Das war ein Triumph.
Warum haben Sie diesen Film gedreht?
Mir scheint, dass der heutigen Jugend der Traum, die Romantik und die Hoffnung fehlen. In meiner Zeit haben wir alles als Abenteuer wahrgenommen, alles war inspirierend: Architektur, Luftfahrt, Automobile, Mode und Stil, wie von einem Geist des Aufbruchs durchdrungen waren. Das Leben schien aufregend und alles fieberte der Zukunft entgegen. Heute fehlt dieser Glaube. Mit meinem Film wollte ich ihnen in Erinnerung rufen, wie beglückend es ist, einen Traum zu haben, so wie es meine Generation kannte, als uns die Welt der Möglichkeiten wahrhaftig begeisterte.
Warum haben Sie alles selbst gemacht — Drehbuch, Regie, Produktion?
Diese Geschichte ist mir zu persönlich und deshalb wollte ich die vollständige kreative Kontrolle behalten. Der Film basiert auf einem Buch, das ich einst für meinen Sohn geschrieben habe, meinen Sohn, den es nicht mehr gibt. Dieser Film existiert, und auch ich als Künstler bin das, was ich bin, nur dank meiner Familie: meiner Mutter, die Schauspielunterricht gab, meiner Schwester, die am Broadway auftrat, lange bevor ich überhaupt vor der Kamera stand. Als Kind träumte ich davon, Pilot zu werden. Flugzeuge waren meine ganze Welt. Doch schon früh verstand ich: Träumen allein genügt nicht. Man muss handeln. Stillhalten war nie meine Sache.

Bereuen Sie es, Schauspieler und nicht Pilot geworden zu sein?
Wer sagt das? Ich gehöre der Welt des Kinos ebenso wie der Kunst des Himmels. Das Fliegen ist eine eigene Kunstform: das Design der Flugzeuge, der Flug selbst. Es ist etwas Erhabenes, Wunderbares und zugleich vollkommen Wirkliches.
Wie haben Sie so einen stimmungsvollen Soundtrack zusammengestellt?
Das ist die Musik meines Lebens: Un homme et une femme mit der Musik von Francis Lai, Last Tango in Paris von Gato Barbieri oder Breakfast at Tiffany’s von Henry Mancini. Es sind die Melodien, mit denen ich aufgewachsen bin. Dazu kamen klassische Hits jener Zeit wie Come Fly with Me, The Best Is Yet to Come, Rhapsody in Blue. Francis Lai, der Komponist der Lelouch-Filme, ist schlicht ein Genie. Ich habe Un homme et une femme 1966 mit meiner Schwester Ellen und ihrem Mann im Kino gesehen und gedacht: „Einen schöneren Film habe ich noch nie gesehen“.
Ihre Karriere hatte auch dunkle Kapitel. Wie haben Sie die schwierigen Jahre überlebt?
Ich glaube, ein Schauspieler muss nicht nur andere verkörpern können, sondern auch selbst ein reiches Leben führen. Als ich in den 1980er Jahren keine Filme drehte, nutzte ich die Zeit, um einfach zu leben. Ich beobachtete Menschen, sammelte Erfahrungen, erweiterte mein schauspielerisches Repertoire. Die Leute fragten mich: „Wie hast du das ohne Arbeit ausgehalten?“ Ich musste lachen. Ich habe drei Jahre lang gereist, Hunderte von Menschen kennengelernt und einen Erfahrungsschatz angehäuft, den man sich nicht kaufen kann.
Und dann begegneten Sie dem jungen Quentin Tarantino…
Tarantino wollte mich Vincent Vega nicht spielen lassen. Für die Rolle war Michael Madsen vorgesehen. Ich erinnere mich noch genau an den Abend, als wir uns in seiner Wohnung einschlossen und bis tief in die Nacht über Filme redeten. Er fragte immer wieder: „Warum hast du auf mein Angebot nicht reagiert?“, gemeint war eine andere Rolle, die schließlich an George Clooney ging. Wir kreisten umeinander, ohne zu einem Punkt zu kommen. Irgendwann hatte ich genug und sagte schlicht: „Weil mir dein Film nicht gefällt“. Er hielt inne, dachte nach und sagte: „Oh, wie interessant“. Dann gingen wir schlafen. Eine Woche später rief er an und bot mir Vincent Vega zu spielen.

Ihre Tochter steht ebenfalls vor der Kamera. Wie finden Sie das?
Ich unterstütze sie in allem, was sie anstrebt. Ich finde, sie hat etwas von der alten Schule, von einer Zeit, als Eleganz und Stil noch selbstverständlich waren.
Für viele Zuschauer ist John Travolta vor allem eines: ein ausgezeichneter Tänzer. Tanzen Sie noch?
Natürlich, wenn auch nicht jeden Tag. Aber wenn ich schnell in Form kommen will, gibt es nichts Besseres auf der Welt als den Tanz.
Werden Sie wieder Regie führen, oder war das eine einmalige Erfahrung?
Fünfzig Jahre lang habe ich beobachtet, wie andere arbeiten — manche brillant, manche mittelprächtig, manche schlicht schlecht. Ich habe ihre Fehler gesehen und glaube, dass ich diese bei jedem Projekt vermeiden könnte, das ich in Angriff nähme. Aber ich spüre, dass ich für eine Wiederholung eine echte Leidenschaft brauche, eine Geschichte, die mich wirklich packt. Einen weiteren Film würde ich nur drehen, wenn das Projekt dieselbe unwiderstehliche Anziehungskraft haben wird wie dieser.