Die 79. Internationalen Filmfestspiele von Cannes wurden am 12. Mai eröffnet – ohne Hollywood-Blockbuster, dafür mit Diskussionen über KI.
Das Lumière-Theater war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Eröffnungszeremonie wurde auf Leinwänden entlang der Croisette übertragen, und die französisch-malische Schauspielerin Ay Aidara richtete ihre Rede zu den Gästen und Zuschauern in allen Teilen der Welt, „wo das Internet noch nicht abgeschaltet ist und künstliche Intelligenz die Realität noch nicht völlig ersetzt hat“. Vierundfünfzig Minuten lang fesselte sie das Publikum und würzte ihren Monolog mit Parodien auf Klassiker, darunter die berühmte Anita Ekberg aus Fellinis La Dolce Vita, die mit dem Ausruf „Marcello, komm her!“ ihren Partner zu einem Bad im Trevi-Brunnen in Rom lockt.

Der Höhepunkt der Zeremonie war die Verleihung der Ehrenpalme an Peter Jackson. Der Regisseur von Der Herr der Ringe wurde von Elijah Wood, alias Frodo Beutlin, persönlich vorgestellt. „Ich verstehe immer noch nicht, warum sie mir die Goldene Palme geben, denn ich mache keine Festivalfilme.“ „Vielleicht ist diese Auszeichnung eine Entschuldigung dafür, dass ich sie 1988 für Bad Taste nicht erhalten habe“, sagte Jackson in seiner Dankesrede. Nach der Preisverleihung sang das Publikum ihm zu Ehren seines Beatles-Dokumentarfilms „Get Back“.
Die zweite Ehrenpalme wird der legendären Barbra Streisand verliehen, die am 23. Mai zum ersten Mal in Cannes anwesend sein wird. Streisand ist zweifache Oscar-, zehnfache Grammy- und neunfache Golden-Globe-Gewinnerin. Sie hält außerdem den seltenen EGOT-Status (sie hat alle vier großen Showbusiness-Auszeichnungen gewonnen) und ist die einzige Künstlerin, deren Alben in sechs aufeinanderfolgenden Jahrzehnten Platz eins der Charts erreichten.
Als dem Jurypräsidenten, dem koreanischen Regisseur Park Chan-wook, das Wort erteilt wurde, sprach er ausführlich auf Koreanisch, doch die Simultanübersetzung versagte. Daher hörte ihm im Publikum wohl nur sein Kollege Bong Joon-ho, Regisseur von Parasite, wirklich zu. Die anderen versuchten, sich nichts anmerken zu lassen, so auch Jurymitglied Demi Moore, obwohl sich einige ein Lächeln nicht verkneifen konnten.
Die Schauspielerinnen Jane Fonda und Gong Li erklärten das Festival für eröffnet. Fonda konnte es sich nicht verkneifen, eine emotionale Rede zu halten, die sie mit den Wörtern abschloss: „Kino war schon immer ein Akt des Widerstands, denn wir erzählen Geschichten, und Geschichten erschaffen Zivilisation.”

Das Festival wurde mit Pierre Salvadoris französischer romantischer Komödie La Vénus électrique eröffnet, der Geschichte eines jungen Künstlers im Pariser Künstlerviertel des Jahres 1928, der nach dem Tod seiner Frau in betrunkener Verzweiflung eine Wahrsagerin aufsucht, die in Wirklichkeit eine Taschendiebin ist.
Ist das Kino tot?
Schon in den ersten Stunden des Festivals wurde deutlich: Die Hauptfrage dieses Jahr lautet nicht „Wer gewinnt den Hauptpreis?“, sondern „Was ist Kino heute?“. Obwohl die Festivalkommission dieses Jahr mit 2.541 Einreichungen einen Rekord verzeichnete – fast doppelt so viele wie vor zehn Jahren – spüren Branchenvertreter, dass sich das Kino an einem Wendepunkt befindet. Die große Leinwand weicht Streamingdiensten, und künstliche Intelligenz ist zu einem gängigen Werkzeug für Drehbücher, das Klonen von Schauspielern und die Erstellung visueller Effekte geworden. Doch genau diese Filme sind im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes nicht zugelassen. Laut den Festivalleitern Thierry Frémaux und Iris Knobloch ist „ein Film keine Datensammlung, sondern die persönliche Vision des Künstlers“, und „KI kann imitieren, aber sie wird niemals fühlen lernen.“
Wenn man KI und Fernsehserien aus dem Festivalprogram entfernt, verliert das Festival seinen Glanz —beinahe der Fall in Cannes. Aber die Organisatoren lassen sich davon nicht entmutigen:
„Cannes wurde 1939 in einer Krisenzeit gegründet. Gerade in Zeiten wie diesen ist es kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, Künstler aus aller Welt zusammenzubringen“, so Festivalpräsidentin Iris Knobloch. Gleichzeitig setzt der kommerzielle Arm des Festivals, der Marché du Film, offen auf Technologie: Er ist Gastgeber des Gipfeltreffens „AI for Talent“ und von Veranstaltungen des Cannes Next-Programms. Bereits im April fand im selben Palais des Festivals das World AI Film Festival statt – eine separate Veranstaltung, bei der KI-Filme eine eigene Plattform erhielten. Cannes zieht damit eine klare Grenze: Der kreative Wettbewerb bleibt menschlich, während kommerzielle Verhandlungen auch von Algorithmen beeinflusst werden.
Was kommt
Der Hauptwettbewerb präsentiert 22 Filme. Die überwiegende Anzahl der Produktionen kommt aus Japan (darüber berichten wir in einem anderen Beitrag), Frankreich und Spanien. Drei Spanier – Pedro Almodóvar mit Amarga Navidad, einer autofiktionalen Geschichte über eine Werberegisseirin, die das Unglück ihrer Freunde für ihre eigene Kunst ausbeutet; Rodrigo Sorogoyen mit El Ser Querido, in dem Javier Bardem einen berühmten Regisseur verkörpert, der seine Tochter filmt; und das Regie-Duo Javier Ambrossi und Javier Calvo mit dem queeren Epos La Bolla Negra mit Penélope Cruz und Glenn Close in den Hauptrollen – sind im Wettbewerb vertreten.

Zu den Favoriten der Kritiker zählen Fjord des rumänischen Regisseurs Cristian Mungiu, Fatherland von Pawel Pawlikowski und Histoires Parallèles des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi mit Vincent Cassel, Isabelle Huppert und Catherine Deneuve. Erwartet werden auch Hollywood-Stars wie Kristen Stewart, Adam Driver, Scarlett Johansson und Rami Malek – alle mit Independent- oder internationalen Filmen. Zu den Sondervorführungen gehören der Film zum 25-jährigen Jubiläum von The Fast and the Furious und Steven Soderberghs Dokumentarfilm John Lennon: The Last Interview, der sofort Kontroversen auslöste: Der Regisseur gab zu, in zwei Szenen KI eingesetzt zu haben, um Lennons Tonaufnahmen zu illustrieren. Außerdem präsentiert Ron Howard Avedon, einen Dokumentarfilm über den legendären Fotografen Richard Avedon.