Film Interview

„Ich vertrete nicht das chinesische Kino, sondern mich selbst…“

Der führende chinesische Regisseur Chen Kaige wurde dieses Jahr als Präsident der Jury des International Film Festivals and Awards nach Macao eingeladen. Die dritte Ausgabe des Festivals fand vom 8. bis 14. Dezember 2018 statt. Nach der Festivaleröffnung konnten wir den Regisseur zum exklusiven Interview treffen.

 Es gibt nur wenige Filmemacher, die eine so weitreichende Karriere wie Chen Kaige vorweisen können. Mit seiner 35-jährigen Erfahrung in der Filmindustrie und Werken wie „Gelbe Erde“ (1984), „Lebewohl, meine Konkubine“ (1993) bis hin zu der spektakulären Produktion „Legend of the Demon Cat“ aus dem vergangenen Jahr ist er seit den 1980er-Jahren  ein Pionier des chinesischen Kinos.

Der Hauptwettbewerb des Macao Festivals vergibt  40.000-60.000 US-Dollar für den erst- und  zweitplatzierten Film. Dieses Jahr wird im Programm wird auch eine neue Sparte präsentiert, gewidmet dem Neuen Chinesischen Kino, das die sechs besten Filme aus der Region und dem Jahr 2018 zeigt.

 

 Herr Kaige, was hat Sie zum Filmfestival nach Macao verschlagen?

Ich war sehr überrascht vom Programm. Das Internationale Filmfestival in Macao ist ein sehr junges Festival und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man mindestens fünf Jahre braucht, um richtig anzufangen. Jurys wechseln jedes Jahr, Stars kommen und gehen. Aber ein guter Wettbewerb ist alles, was zählt. Wenn ein Film Festival ein gutes Programm garantiert, kommen auch Besucher. Ich habe bereits in den ersten Tagen ein paar Filme angeschaut und war erstaunt, wie gut diese waren. Die wichtigste Funktion eines Filmfestivals sehe ich darin, junge Filmemacher zu entdecken und zu unterstützen. Dies funktioniert in Macao sehr gut und dies ist auch ein Grund, warum ich die Jury dieses Jahr leite.

 

In Macao gibt es eine ausgezeichnete Möglichkeit, eine Vielfalt asiatischer Filme zu entdecken, die man sonst in Europa oder USA nicht sieht. Wie entwickelt sich das chinesische Kino und welche Stimmungen herrschen im Lande aus Sicht eines Insiders?

Manche chinesische Filmemacher glauben, weil wir Chinesen sind, sind unsere Filme anders. Aber ich glaube, das hängt davon ab, was man macht. Wenn wir historische Filme drehen oder solche über unsere Traditionen, dann unterscheiden wir uns natürlich. Aber wenn wir dabei bedenken, dass das Kino von den Gebrüdern Lumiere erfunden wurde (auch wenn die Amerikaner meinen, sie seien die ersten gewesen) und dass das Kino aus dem Westen kommt, sind unsere Produktionen doch nicht so viel anders. Schließlich haben wir vom Westen zu lernen, wie man einen Film dreht, bearbeitet und schneidet. Als ich meine Karriere anfing, hatten wir keine Ahnung, wie der Filmmarkt funktioniert. Heute versteht das jeder junge Regisseur. Der chinesische Filmmarkt ist sehr groß. Deshalb denken manche unserer Filmemacher, dass wir keinen Austausch brauchen. Dieses Jahr kam eine Komödie namens „Dying to Survive“ auf unsere Leinwände, die in China 500 Millionen US-Dollars an den Kinokassen einspielte. Anderseits, wenn wir die Gewinner bei den größten europäischen Festivals wie in Cannes, Berlin oder Venedig ansehen, sind ihre Werke kommerziell wenig erfolgreich. Vor 25 Jahren, als ich angefangen habe zu den Festivals zu gehen, war die Situation anders. Damals hat der Westen das chinesische Kino entdeckt und war neugierig. Heute sind unsere Regisseure und ihre Filme erfolgreicher, aber weder interessiert sich die Welt für uns, noch wir interessieren uns für die Welt. Ich weiß nicht viel, aber ich möchte glauben, dass wir irgendwann mal die Türen doch noch aufmachen und aus unserer engstirnigen Einstellung raus gehen, genauso wie ich auch hoffe, dass unsere jungen Filmemacher etwas Neues und Originelles zur Filmgeschichte beitragen.

Chen Kaige ©IFFA Macao 2018

Wie wird der Filmmarkt im China heute aufgeteilt?

Nach meiner Kenntnis kommen jedes Jahr 34 internationale Filme nach China. Die meisten davon sind Action- und Gangsterfilme aus den USA, weil diese die meisten Zuschauer in China haben. Doch unter den 34 Produktionen sind nicht nur amerikanische zu finden, sondern auch welche aus anderen Ländern wie Korea, Japan, Russland oder Indien. In China werden jährlich etwa 700 Filme gedreht. Also müssen 34 Filme gegen 700 konkurrieren. Doch wenn wir die Gewinne ansehen, dann sind diese etwa fifty-fifty aufgeteilt. Das heißt, dass 34 internationale Filme genauso viel Geld wie 700 chinesische einspielen, was über Qualität oder besser gesagt Mangel an Qualität unserer Filme spricht. Persönlich bin ich der Meinung, dass Chinesen ein Recht darauf haben, mehr ausländische Filme zu sehen und die Vielfalt des Kinos zu erleben.

 

Was können Sie über die Qualität der chinesischen Filme sagen?

Ich möchte betonen, dass ich nicht das chinesische Kino vertrete, sondern lediglich mich selbst. Als ich meine Karriere im Kino anfing, habe ich ausschließlich an den Wert der Kunst und meine eigene Selbstverwirklichung gedacht. Ich weiß es nicht, wie erkennt man heute den Wert eines Filmes? Am Gewinn an der Kinokasse? Denn heute denkt man meistens in Zahlen. Dies wird sicherlich nicht viel über Qualität der Filme sagen. Ich finde, wir müssen junge Filmemacher motivieren, nicht nur kommerziell denken, sondern auch mehr wertvolle und künstlerisch originelle Filme drehen. Filme drehen hat immer etwas mit einem Traum zu tun. Wenn Du gute Filme drehen willst, muss du als Regisseur träumen können. Es klingt nach Klischee, stimmt aber. Vor kurzem habe ich vor einem Filmregisseur gehört, der sich wegen seines Filmes umgebracht hat. Man sollte vielleicht nicht so weit gehen. Vielleicht hätte dieser Regisseur heute noch leben und schöne Filme drehen können. Die Geschichte hat mich sehr traurig gemacht. Manchmal werde ich gefragt, warum so viele schlechte Filme auf den Markt kommen. Ich denke, weil wir einen „hungrigen“ Markt haben, der alles konsumiert. Wir brauchen noch etwas Zeit, um mehr Qualität in unsere Produktionen zu bringen.

 

Ihre Filme erwecken den Eindruck, als ob sie gedreht sind, wie Sie diese auch haben wollten. Dabei wissen wir von strenger Zensur in China …

Die heutige Situation mit der Zensur in China unterscheidet sich von damaligen. Früher hätten wir bloß ein Stück Papier mit Absage bekommen. Heute kann man zum Film Bureau persönlich gehen und mit dem zuständigen Beamten sprechen. Außerdem waren diese Beamte einst auch  kreativ, vielleicht nicht als Regisseure,  aber durchaus als Drehbuchschreiber oder Produzenten, was auch hilft, ein Gespräch mit ihnen zu führen. Ich hoffe, dass unsere jungen Regisseure mehr Raum bekommen, eigene Filme zu drehen. Was mir aber an ihnen besonders gut gefällt, ist, dass sie sich mit zeitgenössischen Themen befassen und nicht ausschließlich auf die Vergangenheit Chinas fokussieren wollen. Auch ich wurde von dieser Bewegung  angesteckt. Mein nächstes Projekt ist darüber, was in unserer Geschichte innerhalb der letzten 40 Jahre passiert ist. Sie wird das Thema ansprechen, warum wir einen hohen Preis für die Änderung unserer Geschichte bezahlen.