Film

Fünf sehenswerte Filme im Wettbewerb

Am 28. Juni startet das Filmfest München. Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme: insgesamt 185 Produktionen aus 43 Ländern werden zu sehen sein.
Zwei Wettbewerb-Reihen, „CineMasters“ und „Cinevision“, zeigen aktuelle Meisterwerke – große Namen, Gefühle und Glamour. Die Sektion „Spotlight“ und unabhängige Produktionen im Programm „International Independents“ bilden einen weiteren Kern des internationalen Programms. Wer Filme aus dem deutschen Heimatland sehen viel, ist gut mit den Filmreihen „Neues Deutsches Kino“ und „Fernsehen“ bedient. Die Schauspielerin Emma Thomson und der Regisseur Terry Gilliam kommen nach München zu den CineMerit Awards.

Wir haben im Wettbewerb fünf Filme ausgewählt, die Sie auf dem Filmfest München nicht verpassen sollten.

FOXTROT
Israel 2017
Regisseur: Samuel Maoz
Mit: Lior Ashkenazi, Sarah Adler, Yonaton Shiray

„Foxtrot“ Samuel Maoz ©Giora Bejach

Der Film des israelischen Regisseurs Samuel Maoz basiert auf einer persönlichen Geschichte. Seine Tochter will nicht pünktlich zur Schule gehen, jeden Morgen beginnt das Drama von vorne. Die Eltern wollen die eigenen Nerven und die von Lehrern und dem eigenen Kind schonen und bestellen ihr deshalb jedes Mal ein Taxi zur Schule. Doch eines Tages reicht es dem Vater und er entscheidet, die Tochter mit dem öffentlichen Bus zu schicken. Endlich soll sie die Konsequenzen für ihr Benehmen selbst tragen. Eine Weile später hört der Vater im Radio, dass ein Linienbus durch eine Bombe zur Explosion gebracht wurde – es ist der, in dem seine Tochter saß. Er verbringt einen der fruchtbarsten Tage in seinem Leben, doch abends erscheint seine Tochter zu Hause und berichtet, dass sie genau diesen Bus verpasst hatte, denn obwohl sie dem Fahrer winkte, ließ der sie zurück. Dies ist die persönliche Geschichte von Maoz, in seinem Film wird ein ähnliches Thema angesprochen, das verschiedene Phänomene wie Leben und Tod, Schicksal und Zufall, Glück und Pech zum Thema hat.

SHOPLIFTERS
Japan 2018
Regisseur: Horokazu Kore-eda
Mit: Lily Franky, Sakura Ando, Mayu Matsuoka

„Shoplifters“ Hirokazu Kore-Eda ©Fuji Television Network

Ein gewöhnlicher Feierabend nach dem Schuften auf einer Baustelle sieht für Osamu so aus, dass er mit seinem Sohn Shota noch in einen Laden geht, um ein paar Dinge für die Familie zu stehlen. Eines Abends bemerken die beiden ein kleines Mädchen, das einsam vor der Tür eines Wohnblocks sitzt. Sie nennen es Yuri und nehmen sie mit zu sich nach Hause, um ihr Essen zu geben und sie zu baden. Doch als die Mutter Narben am kleinen Körper des Mädchens entdeckt, entscheidet sie, es bei sich als Tochter aufzunehmen. So beginnt für Yuri ein glückliches neues Leben, mit regelmäßigen Mahlzeiten, sauberer Kleidung, einer neuen Frisur und viel Liebe. Natürlich konnte Kore-eda Ladendiebstahl und Kindesentführung in seinem Film nicht positiv darstellen, daher nimmt die Idylle dieser Menschen ein tragisches Ende. Zum Schluss erfahren wir auch noch die düstere Wahrheit über die Herkunft der Familie. Dennoch spürt der Zuschauer am Rande der offiziellen Version viel Mitgefühl für diese „kleinen Leute“ und ihre Nöte und irgendwo bricht die Nachricht durch, dass ein Leben außerhalb des Gesetzes gerechter und menschlicher sein kann als innerhalb von dessen Grenzen.

BURNING
Korea 2018
Regisseur: Lee Chang-Dong
Mit: Yoo Ah-In, Steven Yeun, Jeon Jong-seo

„Burning“ Lee Chang-Dong ©Pine House Film

Aus unbekanntem Grund ging dieser koreanische Beitrag im Wettbewerb des diesjährigen Cannes Film Festivals leer aus. Die Story basiert auf der zehnseitigen Erzählung des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami „Barn Burning“, aus der Lee Chang-Dong einen zweieinhalbstündigen Film drehte. Sie erzählt über einen jungen Schriftsteller, der die Liebe seiner ehemaligen Klassenkameradin an seinen reichen gutaussehenden Rivalen verliert. Die beiden Männer lassen sich kaum vergleichen: Der Schriftsteller, wenn auch gebildet, intelligent und einfühlsam, stammt aus dem Arbeitermilieu und hält sich mit Lieferjobs über Wasser. Der reiche Rivale ist nicht nur intelligent und gut ausgebildet, sondern bewohnt einen Luxusbungalow in Gangnam-gu in Seoul und fährt ein schickes Auto. Dennoch hat der reiche Jüngling ein seltsames Hobby: Er mag es, auf dem Land alte, verlassene Treibhäuser in Brand zu stecken. Eines Tages verschwindet das Mädchen und wir rätseln, ob die brennenden Häuser und das Verschwinden zusammenhängen könnten. Der Film bewahrt bis zum Schluss seine rätselhafte Natur, wie auch die Werke des Schriftstellers Murakami. Für manche Zuschauer wird die Wahrheit im Finale offenbart, für andere erst, nachdem der Film längst gelaufen ist. Der Regisseur selbst beendet seine Erzählung mit beneidenswerter Klarheit.

THE SONG OF SCORPIONS
Indien 2017
Regisseur: Anup Singh
Mit: Irrfan Khan, Golshifteh Farahani, Waheeda Rehman

„The Song of Scorpions“ Anup Singh ©Mumbai film festival

Seit Jahren ist das indische Kino ein Thema auf den europäischen Filmfestivals. Beim Filmfest München gibt es ebenfalls einige Beiträge aus Indien, wobei der schönste der Film von dem in der Schweiz lebenden Inder Anup Singh ist. Die Erzählung bringt uns in die Wüste von Rajasthan, wo eine schöne Heilerin namens Nooran lebt. Sie besitzt die außergewöhnliche Gabe, von Skorpionen gestochene Menschen vor dem Tod zu bewahren. Das geschieht durch Gesang, den sie von ihrer Großmutter, ebenfalls eine Heilerin, lernte. Ein Kamelhändler namens Aadam ist in Nooran verliebt und folgt ihr überall durch die Wüste. Die junge Frau erwidert jedoch seine Zuneigung nicht. Eines Nachts wird Nooran von einem Fremden vergewaltigt und ihre Großmutter verschwindet. So bleibt die Frau mit ihrer jüngeren Schwerster allein. Adaam ist bereit, beide Frauen aufzunehmen, aber nur unter der Bedingung, dass Nooran ihn heirate. Halb lebendig, halb tot, ohne ihre Wunderstimme, heiratet Nooran den Mann, um bald seine wahre Natur zu entdecken. Der Film mutet wie ein Märchen an und klingt wie ein Gedicht. Die Bilder von Kameramann Pietro Zuercher, die die wechselhafte Licht- und Farbstimmung der Thar-Wüste festhalten, verzaubern und machen nachdenklich.

THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE
Spanien/Portugal, Frankreich/Belgien, Großbritannien 2018
Regisseur: Terry Gilliam
Mit: Jonathan Pryce, Adam Driver, Stellan Skarsgard, Olga Kurylenko

„The Man Who Killed Don Quixote“ Terry Gilliam ©Diego Lopes Calvin

Als die beiden Regisseure Keith Fulton und Louis Pepe im Jahr 2002 den Dokumentarfilm „Lost in La Mancha“ über die Produktion vom Gilliams „The Man Who Killed Don Quixote“ drehten, ahnten sie nicht, dass ihre Produktion nicht nur einen Einblick hinter die Kulissen des Projekts bieten würde, sondern auch die Geschichte seiner Höhen und Tiefen. Terry Gilliam, der das Thema im Jahr 1989 zum ersten Mal für sich entdeckte, konnte wegen der fehlenden Finanzierung erst zehn Jahre später mit dem Drehen anfangen. Auf seinen fertigen Film blickt er nun erst nach 30 Jahren, doch auch nicht ohne Sorge. Vor der Premiere des Filmes in Cannes kam es zu einer juristischen Auseinandersetzung zwischen Gilliam und seinem portugiesischen Produzenten. Die Organisatoren des Festivals wussten bis zum Schluss nicht, ob die Premiere noch stattfindet. Schließlich wurde der Film in Cannes gezeigt und nun erwartet auch München seine Premiere. Und etwas Selbstironie ist bei so einem beinahe lebenslangen Kampf sicher auch erlaubt. Deshalb lesen wir im Vorspann des Filmes eine Nachricht von Gilliam, die besagt: „Nach mehr als 25 Jahren in Arbeit […] oder Nicht-Arbeit […] endlich im Kino“. In der Story geht es um einen Regisseur namens Toby, der in Spanien seinen nächsten Werbefilm dreht und mit der Erinnerung an seinen allerersten Studentenfilm konfrontiert wird, den er ebenfalls in dieser Gegend gedreht hatte. Er will seine Erinnerungen vertiefen und findet das kleine Dörfchen wieder, nur um dort zu erfahren, wie seine damaligen Experimente das Leben der Dorfbewohner beeinträchtigt haben. Die Handlung des Filmes wirkt genauso chaotisch wie seine Produktion. Dennoch werden Gilliams Fans sein Werk schätzen. Dies ist ein typischer Film des Regisseurs von „Brasil“ oder „The Zero Theorem“ – bunt, farbig, laut, chaotisch. In den Zeiten von VFX und 3D werden solche Filme nicht mehr gedreht. Gilliams Werk ist einer der wenigen Ausnahmen, die uns an die Vergangenheit, verlorene Unschuld und Magie des klassischen Kinos erinnert.