Film

Cannes-2018: Arbeit als Privileg

Die Weltbevölkerung wächst, Maschinen werden schlau und mehr, die Arbeit aber weniger. Der italienische Soziologe Domenico di Masi hat vorausgesagt, dass die Arbeit bis zum Jahr 2025 zu einem Privileg werden wird. Sind das gute oder schlechte Nachrichten für die Menschheit? Di Masi meint: „Es sind gute Nachrichten, weil der Mensch für Selbstverwirklichung und kreative Tätigkeiten geschaffen ist, nicht für die Arbeit“. Doch auch schlechte, denken manche von uns, weil ja dennoch die Frage offen bleibt, wovon wir leben werden. Di Masi hat auch auf diese Frage eine Antwort: Wenn man nicht zu den 15 % wohlhabenden Bürgern der Welt gehört, dann von staatlicher Unterstützung. Schließlich ist auch der Staat dafür verantwortlich, dass weniger Familien in der Welt den Löwenanteil des Kapitals besitzen. Auf die Frage aber, wo die menschliche Würde bliebe, die eben auch vom Gefühl genährt wird, eine Beschäftigung zu haben und gebraucht zu werden, hat der Soziologe keine Antwort.

Dennoch liefern die Filmregisseure, die beim diesjährigen Wettbewerb des 71. Cannes Film Festivals teilgenommen haben, teilweise Antworten auf diese Fragen. Sie reagierten auf gesellschaftliche Veränderungen und zeigen uns in Bildern die Gesellschaft, in welcher wir bereits leben. Es sei am Rande bemerkt, dass der diesjährige Hauptwettbewerb nicht mit besonders bekannten Namen aufwarten konnte, dafür aber mit genügend Filmen, die von Armut, Arbeitslosigkeit, sozialer Ungerechtigkeit und ähnlichen Themen erzählten.

Der Palme D’Or-Gewinner Hirokazu Koreeda zeigt in seinem Film „Ladendiebe“ eine Familie, die ihren Lebensunterhalt – wie der Titel schon sagt – hauptsächlich durch Diebstahl aus Läden bestreitet, weil das Gehalt von Mann und Frau nicht reicht, eine Familie zu ernähren. Alle Familienmitglieder stehlen: Eltern und Kinder. Auch die ältere Oma steht in nichts nach und leistet ihren Beitrag durch kleine Erpressungen. Dabei besitzt diese mehrköpfige Gemeinschaft durchaus menschliche Würde, die nicht jedem wohlhabenden Bürger oder – nach Koreeda – den Vertreten des Staats vorbehalten ist. Das Finale offenbart eine bittere Wahrheit über die Herkunft dieser Familie, doch ein Zuschauer mit Herz und scheinbar auch der Regisseur selbst sind fest davon überzeugt, dass in diesem Fall eine Verletzung rechtlicher Normen eher mit moralischer Integrität einhergeht als das bei zahlreichen anderen Vergehen der Fall ist.

„Shoplifters“ by Hirokazu Kore-eda © Cannes Film Festival

Ähnlich verhalten sich die Protagonisten von „Lazzaro Felice“, einem Film der italienischen Regisseurin Alice Rohwacher. Aber sie tun es nicht sofort. Zuerst erleiden sie bittere Erfahrungen. Zehn Familien eines kleinen Dorfs arbeiten als Sklaven einer reichen Marquise und keiner der Einwohner darf die Gemeinde verlassen. Erst die zweite Generation begehrt gegen dieses Unrecht auf. Doch wie soll ein einfacher Bewohner mit geringem Einkommen gegen das System kämpfen? Ihm bleibt nur der Protest. Im konkreten Fall heißt das, wie „Zigeuner“ auf der Straße zu leben (eine interessante Wahl gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion über das Schicksal von Roma und Sinti in Italien), zu stehlen und zu betrügen. Durch ehrliche Arbeit überleben die Menschen wohl nicht mehr. Um diese Hypothese zu prüfen, erschafft die Regisseurin eine Kreatur namens Lazzaro, einen naiven, ehrlichen, gutmütigen, gehorsamen jungen Mann, symbolisch ein Heiliger, der letztlich in unserem System doch nicht überleben kann.

„Lazzaro Felice“ Alice Rohrwacher © Cannes Film Festival

Genauso düster sieht es in der türkischen Provinz aus, wie uns der Regisseur Nuri Bilge Ceylan im Film „The Wild Pear Tree“ zeigt. Ein junger Schriftsteller namens Sinan (also einer, der sich kreativ selbstverwirklichen will, wenn wir ihm die Worte des Soziologen Di Masi ans Herz legen) kommt nach dem Studium nach Hause. Er hat seinen ersten Roman abgeschlossen, hat aber kaum Chancen, ihn zu veröffentlichen. Sein Vater ist arbeitslos und hat selbst kaum Geld, die Mutter sitzt zu Hause. In Sinans Heimatstadt sieht es nicht besser aus: keine Arbeit, kein Geld. Eine Hoffnung auf Fördergelder gibt es ebenfalls nicht, denn Unterstützung gibt es höchstens für Tourismusliteratur. Zum Schluss wird sein Roman doch noch gedruckt, teilweise finanziert durch Wertgegenstände, die Sinan bei seinen Großeltern klauen und versteigern konnte. Nun liegen seine Werke in Stapeln in seinem ehemaligen Kinderzimmer und alles dreht sich weiterhin im gewohnten ausweglosen Kreis.

„The Wild Pear Tree“ Nuri Bilge Ceylan © Cannes Film Festival

Ein anderer italienischer Beitrag in Cannes zeigt ebenfalls das Leben der kleinen Leute, ein Leben, das diese Menschen von „Heiligen zu Huren“ verwandelt, weil man in der heutigen Gesellschaft ohne Lügen, Verbrechen und Gewalt nicht überleben kann. Marcello, ein Hundebetreuer, lebt irgendwo im gottverlassenen Kalabrien. Er erwartet nicht viel vom Leben: sein Geschäft zu führen, seine Tochter zu sehen und von Menschen in seiner Umgebung gemocht zu werden. Für jeden hat der kleine Mann ein nettes Lächeln oder ein freundliches Wort, aber vor allem liebt er die Hunde, die er jeden Tag mit viel Sorgfalt pflegt. Er kann der sprichwörtlichen Fliege kein Leid antun, doch sein Schicksal konfrontiert ihn mit einem brutalen Freund aus seiner Kindheit, der eine gewalttätige Mischung aus Diebstahl, Drogen und Sex lebt. Die Erkenntnis lautet: Kein Mensch kann dem düsteren Schicksal einer düsteren Gesellschaft entkommen.

„Dogman“ Matteo Garrone © Cannes Film Festiva

Die Franzosen sind nicht leicht zu beugen. Sie unterwerfen sich nicht ihrem Schicksal, sondern gehen gleich „En Guerre“, so der Titel des aktuellen Filmes von Stéphane Brizé. Der Film erzählt über Fabrikarbeiter, die versuchen, die Schließung eines deutschen Autobetriebs in Frankreich zu verhindern und ihre Jobs retten. Die Führung übernimmt Laurent Amédéo, dessen Rolle traditionell von Vicent Lindon gespielt wird. Das Thema ist übrigens sehr aktuell: Zum Zeitpunkt des Filmfestivals in Cannes streikten die Mitarbeiter der französischen Bahn bereits seit drei Wochen. Keine der Landsleute fand diese Aktion unbequem, nervig oder übertrieben, es galt eben „Liberté, Egalité, Fraternité!“

Zum Schluss sollte man erwähnen, was die Amerikaner heutzutage beschäftigt, natürlich abgesehen von peinlichen Produktionen wie „Star Wars“.

„Blackkklansman“ Spike Lee © Focus Features

Spike Lee bringt nach 27 Jahre Festivalpause seinen frisch gedrehten Film „BlacKkKlansman“ heraus, der auf einer wahren Geschichte eines Polizisten namens Ron Stallworth basiert. Stallworth spürte eine KKK-Gruppe in Colorado, USA auf, drang in die Gruppierung ein und schaltete sie aus. Sorge über drohende Arbeitslosigkeit spielt bei Lees Filmprotagonisten (noch) keine Rolle, schließlich handelt es sich um die 1970-er-Jahre, eine Zeit der Bürgerbewegung. Damals ging es um starke rechtsextremistische Bewegungen und Populismus, welche ebenfalls zum aktuellen Thema gehören und Amerika schon damals „so großartig“ gemacht haben und jetzt immer noch machen!