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Ananda in the Himalayas.

Der Ayurveda wurde vor 5.000 Jahren in Indien entwickelt. „Ayur“ heißt auf Sanskrit ein langes Leben, „Veda“ das Wissen, weshalb Ayurveda also „Wissen über die Langlebigkeit“ bedeutet. Die ayurvedische Herangehensweise besteht darin, einen einzigartigen Gleichgewichtszustand zu erreichen, dessen Hauptziel es ist, die Gesundheit sowie die Lebensweise zu verbessern. Das sekundäre Ziel richtet sich auf die Stärkung des Immunsystems. Harmonie besteht, wenn die  drei physischen Energien (Doshas) Vata, Pitta und Kapa im Einklang sind.

Wohnkomplex in Ananda © tr

Ich habe bereits mehrere ayurvedische Zentren besucht bevor ich von Ananda erfahren habe, eine Ayurveda-Einrichtung, die von einigen exklusiven Reiseführern als beste in Nord Indiens genannt wird. Ich habe beschlossen, der Einrichtung am Fuße des Himalaya eine Chance zu geben und habe dort eine einwöchige Detox-Kur gebucht.

Teil I

Erste Nacht im Maharaja-Schloss

Der zweistündige Flug aus Mumbai endete am Flughafen Dehradun, wo ich von einer schicken Limousine abgeholt wurde. Der Fahrer hatte einen derart großen Turban auf dem Kopf, dass ich ihn mehrmals, vor allem vor scharfen Kehren anbettelte, diesen Kopfschmuck vorübergehend abzulegen. Aber mein Flehen blieb zwecklos. Die Kopfbedeckung blieb auf dem Kopf des stolzen Besitzers. Verschwitzt, doch heil und munter, fanden wir uns zwei Stunden später an einer großen, königlich anmutenden Rezeption wieder, wo ich einen Ingwer-Kurkuma-Zitronen-Tee, einen Nuss-Snack, eine Blumengirlande und einen Segen erhielt.

Maharaja Schloss © Ananda

Gleich hinter dem Eingang, welcher eigentlich zum Wohnkomplex des ehemaligen indischen Vizekönigs führt, auf einem Hügel von romantischem Licht beleuchtet, stand das Maharaja-Schloss. Ich ging an einer künstlich geschaffenen Kaskade vorbei, aus der das Wasser floss. Hier, vor einem Kliff öffnete sich eine atemberaubende Aufsicht auf Riskikesh. Das Städtchen brüllte und tobte, doch oben herrschte majestätische Stille. Nach ein paar Kurven öffnete sich der Blick auf ein uraltes Amphitheater, das Wellness-Center, ein Fitnessstudio mit Pool und ein Restaurant.

Fitness-Zentrum mit Pool © tr

Unser Spaziergang endete an einem eleganten Gebäude, in dem drei Stockwerke unter einer Klippe lagen und die anderen über dem Brückendurchgang zum Komplex ragten. Im Zimmer wartete ein hohes breites Bett, das mich an das eines Maharajas erinnerte. Von der Terrasse, 1500 m über dem Meeresspiegel, öffnete sich der Blick auf den Himalaya. Die Luft war frisch und herb wie ein Kräuteraufguss. Die Sonne war bereits untergegangen und die Natur erstarrte für einen Augenblick, in Vorbereitung, die Ankunft der Nacht zu begrüßen. Die Stille dauerte jedoch nicht lange.

Aufsicht von der Terrasse © tr

Ein paar Momente später klingelte das Telefon, gefolgt von einem Klopfen an der Tür. „Zu Tisch bitte“, bat das hilfsbereites Personal und begleitete mich zum Nebengebäude. Für mein erstes Essen im Ressort hetzten mehrere Angestellte im Restaurant um mich herum und der Chef selbst hielt Ausschau nach mir, obwohl er auf dem Sprung war: „Heute dürfen Sie alles essen, ab morgen erwartet Sie eine Diät“. Nach diesen Worten füllte sich mein Tisch mit Vorspeisen, Hauptgängen, darunter Fleisch und Fisch und zum Schluss ein Schokoladendessert. Kaum im Zimmer angekommen, klingelte es schon wieder an meiner Tür. Zwei Mitarbeiter betraten das Zimmer. Einer legte mir eine süße Speise vor und eine Postkarte in mein Bett, der andere bewegte sich im Bad. Doch zuvor hat er auf meinen Schrank gezeigt und erklärt, dass die Gäste vom Zentrum eine Uniform trügen, einen Pyjama. Ich wusste da noch nicht,  dass ich diesem Outfit die ganze nächste Woche verbringen würde.

Ayurverische Kräuter ©Ananda

Nachdem die Mitarbeiter mein Zimmer verließen, betrat ich das Bad. Überall brannten Aromakerzen, im gefüllten Bassin schwammen Rosenblätter. Nach dem Bad wollte ich mich ins Bett legen und fand erst jetzt die Postkarte wieder. Darauf stand ein Zitat des Dalai Lama: „Schätzen Sie, wie selten und voll von Möglichkeiten Ihre Situation auf dieser Welt ist, genießen Sie diese und nutzen sie zu Ihrem besten Vorteil“.

Teil II

Tagesroutine

Mein nächster Morgen fing mit Yoga an. Ein kleiner Pavillon war allseitig mit durchsichtigen Vorhängen behängt, später verstand ich, warum. Während unsere kleine Gruppe von fünf Flexibilität übte, ließen sich gegenüber neugierige Affen nieder. Ein paar Mal schlugen auch Pfauen bei uns in der Stunde an. Alle diese Lebewesen hatten natürlich ihre eigenen Bedürfnisse und achteten nicht auf die Besucher, die gerade versuchten, ihren Körper zu erforschen und durch dichte Vorhänge den Weg zu sich und der Natur zu finden.

Frühstück © tr

Nach dem leichten Frühstück rannte ich ins Spa. Die nächsten Tage habe ich buchstäblich im Öl verbracht. Die Substanz war überall, an meinen Haaren, im Gesicht, am Körper und auch innen. Täglich kam ich zum Spa etwa eine Stunde vor Beginn der Anwendungen, um die Sauna mit Kräuter-Tee zu genießen und in einem kleinen Becken auf den Stegen zu laufen und meine empfindlichen Fußsohlen zu trainieren.

Spa-Bereich © tr

Auf meinem Plan standen täglich zwei bis drei Anwendungen. An einem Tag mir wurde die Kombination einer 90minütigen entgiftenden Aromamassage, einer 30minütigen Augenbehandlung (Tarpana) und einer 30minütigen Nasenbehandlung (Nasyam) angeboten. Den nächsten Tag begann ich mit Pranayama (Atemübungen) im Amphitheater, die mir ein Privattrainer beibrachte, gefolgt von einem 60minütigen Salz-Körper-Peeling und einer indischen Körper-Maske. Meine Füße, meine Kopf, Nacken, Hände, Augen und auch die Nase wurden eingeölt, untersucht und massiert. Der Rücken wurde mehrmals mit Reisbündeln (Njavarakizhi) geschlagen. Eines Tages wurde mir so viel von dem warmen Öl auf meine Stirn (Taila Dhara) und auch auf meinen Rücken (Greeva Vasthy) gegossen, dass ich tatsächlich in einen ungewohnten Zustand totaler Abwesenheit geraten bin und an nichts mehr gedacht habe.

Spa-Treatment © Ananda

Spätestens am dritten Tag gab es aber ein böses Erwachen. Bis dahin bin ich brav meiner Diät gefolgt. Der Küchenchef hat nämlich auch einen Wellnessplan für meine Ernährung erstellt. Natürlich alles ohne Fleisch und Fisch, ohne Weizen und echte Schokolade. Und so verspürte ich solchen Heißhunger, dass  sofort meinen behandelnden Arzt aufsuchte. Er musste sich seltsame Fragen anhören. Ich fragte ihn, warum ich keine Mandeln essen darf, sondern ständig an einer Kokosnuss knabbern musste und wieso die anderen Gäste frischen süßen Granatapfelsaft serviert bekamen, während ich mich mit der verhassten Papaya zufrieden geben musste. Ich habe mich wohl so ausgeweint, dass er sofort zum Hörer griff und mit dem Küchenchef sprach. Zwar durfte ich dann weiterhin keine Mandeln oder Schokolade essen, aber ab jetzt sollte ich doppelte Portionen bekommen. Weil, wie er erklärte, mein Pitta-Typ einen ausgeprägt guten Appetit und einen schnellen Metabolismus aufweist.

Teil III

Abschied

Ich habe mich vollständig in den geregelten Tagesablauf eingelebt. Ich fing an, alles zu mögen, meine Übungen und Behandlungen, meine Abendstunden auf der Außenterrasse beim Teetrinken und den Sonnenuntergang zu beobachten, meine Ernährung und vor allem meiner Kurta-Pyjamas, die ich nun ohne durchgehend trug.

Andere, aktivere Gäste stiegen an grauen Morgenstunden auf die schneebedeckten Berggipfel, besuchten Golfkurse und trainierten im Fitnessstudio. Manche wurden sogar mitten im Winter (also bei +20 Grad) im Schwimmbad beim Schwimmen und Sonnenbaden gesehen. Ich habe mich erfolgreich vor jeder Aktivität gedrückt. Eines Abends stieg ich tatsächlich nach Rishikesh ab und ich habe das heilige Ritual am Ganges miterlebt, überquerte den Fluss, bin die wackelige Hängebrücke entlang gegangen, fror ein wenig am Ufer im Rhythmus von Trommeln mit Gesang und rannte schnell wieder zurück, zu meinem geliebten Pyjama auf meinem Maharaja-Bett.

Zimmer mit Maharaja-Bett © tr

Eine Woche im Ressort verlief wie ein schöner Augenblick. Schon wurden die Koffer wieder gepackt, das letzte Mittagessen verzehrt, der Pyjama – ein treuer Begleiter – hat sich in Jeans und T-Shirt verwandelt. Ich musste nur noch schnell zum Spa für die letzte Untersuchung. Mir wurde eine Broschüre ausgehändigt. Zum meinem Erstaunen stellte ich fest, dass für mich eine Tagesordnung zusammengestellt wurde. Jedes Detail wurde darin berücksichtigt, wann ich aufstehen, arbeiten, essen soll. Es gab ausführliche Pläne für meine Diät, inklusive Fasten, Inhaltstoffe für meine Tees und besondere Empfehlungen für Früchte und Gemüse, die ich nun verzehren soll. Zurück zu Hause habe ich versucht, mich an diesen Plan zu halten. Bis jetzt habe ich ihn nicht vollständig umgesetzt. Aber wenn ich das irgendwann einmal in der Zukunft doch noch tue, werde ich definitiv zu Ananda zurückkehren, weiser und erfahrener. Dort habe ich gelernt, dass dieser Ausflug, den ich unternahm, schließlich der Weg zu mir selbst war.

Ananda-Kaskade © tr