Am 12. Februar regnete es in Berlin in Strömen. Der rote Teppich vor dem Berlinale-Palast glänzte nass und die Gäste suchten Schutz unter Schirmen. Doch schlechtes Wetter im Februar gehört zum Berliner Scharm, das Festival wurde trotzdem wie geplant eröffnet. Im Mittelpunkt des Abends stand Michelle Yeoh. Die malaysische Schauspielerin erhielt von Sean Baker den Ehrenbären für ihre Karriere. In einem goldenen Kleid erschien sie weniger als Star unter vielen, sondern vielmehr als ruhiger, würdevoller Mittelpunkt der Eröffnung, beinahe wie eine lebendige Spiegelung der Auszeichnung selbst.

Stars im Hintergrund
Seit Jahren versteht sich die Berlinale weniger als Bühne für Glamour, sondern als Plattform für Autorenkino und unabhängige Produktionen, oft mit europäischem Schwerpunkt. Große internationale Namen tauchen zwar auf, bestimmen jedoch nicht den Ton des Festivals. Zu den wenigen prominenter besetzten Filmen in diesem Jahr gehört „Rosebush Pruning“ von Karim Aïnouz mit Callum Turner, Elle Fanning, Jamie Bell und Pamela Anderson. Erzählt wird die Geschichte von vier amerikanischen Geschwistern, die von ihrem Erbe leben und in einer abgeschotteten Welt aus familiären Abhängigkeiten und selbstgewählter Bequemlichkeit verharren. Der blinde Vater bleibt eine Autoritätsfigur, deren Erwartungen im Raum stehen, während die Geschwister vor allem um Nähe, Anerkennung und Status ringen.

Bei der Premiere galt das öffentliche Interesse weniger dem Film als dem gemeinsamen Auftritt von Callum Turner und seiner Verlobten Dua Lipa, die den Valentinstag unter Blitzlicht in Berlin verbrachten.„Josephine“ von Beth de Araújo, zuvor beim Sundance Festival gezeigt, war nun auch in Berlin zu sehen. Der psychologische Thriller mit Channing Tatum und Gemma Chan erzählt von einem Elternpaar, das nach Gerechtigkeit sucht, nachdem seine kleine Tochter Zeugin eines Verbrechens geworden ist. Im Wettbewerb läuft zudem „At the Sea“ von Kornél Mundruczó, in dem Amy Adams eine ehemalige Tänzerin spielt, die nach einer traumatischen Erfahrung versucht, ihre Identität neu zu definieren. Britin Charli xcx stellt in Berlin ihr Projekt „The Moment“ vor. In dem Vampirdrama „The Blood Countess“ übernimmt Isabelle Huppert die Hauptrolle, während „The Weight“ mit Ethan Hawke und Russell Crowe eine klassische historische Konstellation aufgreift.
Südostasien als neue Selbstverständlichkeit
Stimmen aus Südostasien gewinnen auf internationalen Filmfestivals zunehmend an Gewicht, sowohl durch ihre wachsende Sichtbarkeit, als auch durch die inhaltliche und ästhetische Qualität der Produktionen. In Berlin war das in diesem Jahr deutlich spürbar. Der indonesische Regisseur Edwin zeigte mit „Monster from the Hair Factory“ einen politischen Horrorfilm, in dem übermüdete Fabrikarbeiter von einem haarigen Dämon verschlungen werden. Das Fantastische fungiert hier als deutliche Metapher für Ausbeutung und strukturelle Erschöpfung. Rafael Manuel präsentierte mit „Filipiñana“ eine präzise beobachtete Satire auf das postkoloniale Erbe seines Landes. Im Zentrum steht eine 17-jährige Jugendliche, die in einem exklusiven Golfclub in Manila arbeitet und dort mit sozialer Ungleichheit und alltäglicher Gewalt konfrontiert wird.
In den Hauptwettbewerb wurde der dritte Spielfilm von Anthony Chen aufgenommen, „We Are All Strangers“. Chen war der erste Regisseur aus Singapur, der 2013 für sein Debüt „Ilo Ilo“ in Cannes mit der Caméra d’Or ausgezeichnet wurde. Sein darauffolgender Film „Wet Season“ wurde 2019 ebenfalls von der internationalen Kritik positiv aufgenommen.

In seinem jüngsten Film erzählt Chen die Geschichte von Onkel Lim, dem Betreiber eines beliebten Nudelrestaurants. Nach dem Tod seiner Frau lebt er mit seinem Sohn zusammen, der ohne klare Zukunftspläne im Elternhaus bleibt. Als der junge Mann eine Beziehung mit einer Frau aus wohlhabender Familie beginnt und sie schwanger wird, drängen ihre Eltern auf eine sofortige Hochzeit. Fast gleichzeitig entscheidet sich auch Lim, eine temperamentvolle Kellnerin aus Malaysia zu heiraten. Zwei Hochzeiten folgen kurz aufeinander, beide Paare ziehen in Lims kleine Wohnung ein. Allmählich verschiebt sich der Fokus. Nicht eine einzelne Figur steht im Zentrum, sondern das fragile Gefüge einer modernen Familie, geprägt von finanzieller Unsicherheit, Selbsttäuschung und wachsender innerer Spannung.
Globalisierung erscheint dabei zugleich unausweichlich und trügerisch. Die jungen Eheleute verbringen ihre Hochzeitsnacht im ikonischen Marina Bay Sands, einem Symbol des prosperierenden Singapur. Der Blick Lims hingegen stammt aus einem anderen Alltag, aus dem Fenster eines Linienbusses. Als sich beide Familien vor dem Fernseher versammeln, um die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit zu verfolgen, stehen die feierlichen Reden über Wohlstand in deutlichem Kontrast zu ihrer eigenen wirtschaftlichen Realität.
Kunst gegen Politik
In diesem Jahr geriet die Berlinale erneut in den Mittelpunkt einer politischen Debatte. Anlass war diesmal kein einzelner Film, sondern Äußerungen von Beteiligten und die darauffolgende öffentliche Reaktion. Auslöser war die Pressekonferenz der Jury am Eröffnungstag. Auf eine Frage zum Konflikt in Gaza erklärte Jurypräsident Wim Wenders, Filmemacher sollten sich von der Politik fernhalten. Sobald Filme bewusst politisch würden, so Wenders, bewegten sie sich im Feld politischer Auseinandersetzungen, während die Aufgabe der Kunst eine andere sei. Die Aussage löste in sozialen Netzwerken unmittelbare Kritik aus und führte zu einer breiteren Diskussion.
In ihrer Erklärung betonte Tricia Tuttle, dass auf der Berlinale das Prinzip der Meinungsfreiheit gelte und in unterschiedlichen Formen gelebt werde. Zugleich wies sie darauf hin, dass der Druck auf Filmschaffende zugenommen habe, zu nahezu jeder politischen Frage öffentlich Stellung zu beziehen. Unabhängig davon, ob sie antworteten oder nicht, werde ihre Reaktion bewertet und kritisiert. Komplexe und vielschichtige Positionen, so Tuttle weiter, ließen sich nicht in kurzen Statements unter dem unmittelbaren Druck einer Pressekonferenz angemessen formulieren.
Auch Wenders äußerte sich erneut zur Frage nach der politischen Wirkung des Kinos. Er sagte, dass die Filme die Welt verändern könnten, jedoch nicht im unmittelbaren politischen Sinne. Keine einzelne Arbeit habe je die Haltung eines Politikers geändert, wohl aber könne das Kino Vorstellungen davon beeinflussen, wie Menschen ihr Leben verstehen und gestalten. Filmschaffende, so Wenders, sollten eher ein Gegengewicht zur Politik bilden als selbst politische Akteure zu werden und sich der „Arbeit der Menschen“ widmen, nicht der „Arbeit der Politiker“.

„Keine guten Männer“ … aber viele Gedanken über sie
Der Eröffnungsfilm der Berlinale, „No Good Men“ von Shahrbanoo Sadat, verdeutlicht einmal mehr, wie eng das Festivalprogramm mit politischer Realität verknüpft ist. Gedreht wurde der Film von einer Regisseurin, die nach der erneuten Machtübernahme der Taliban im Exil lebt. Erzählt wird vom Alltag von Frauen in Kabul kurz vor tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbrüchen. Formal handelt es sich um eine romantische Komödie. Doch ihre Dramaturgie kreist um den Druck patriarchaler Normen und sozialer Einschränkungen, mit denen die Protagonistin konfrontiert ist, eine Mitarbeiterin eines Fernsehsenders, die versucht, ihre berufliche und persönliche Autonomie zu bewahren. Einige Szenen, darunter offen gezeigte Zuneigung zwischen den Figuren, gelten im afghanischen Kontext als provokant und verleihen dem Film eine zusätzliche politische Dimension.
Vor dem Hintergrund der anhaltenden Debatte über das Verhältnis von Kunst und Politik zeigt „No Good Men“, dass selbst das Genre der romantischen Komödie zu einem Ort der Auseinandersetzung mit Freiheit, Zensur und individueller Entscheidung werden kann. Am Beispiel von Shahrbanoo Sadat wird deutlich, dass die globale Kulturlandschaft Autorinnen und Autoren zunehmend aus nationalen und institutionellen Zusammenhängen herauslöst. Mobilität ist dabei nicht nur eine Frage des Aufenthaltsortes, sondern auch der kulturellen Positionierung. Die berufliche Identität deckt sich immer seltener mit Herkunft oder Staatsbürgerschaft.
Sadat, eine ethnische Afghanin, die im Iran geboren und aufgewachsen ist, fühlte sich dort lange als Fremde. Nach ihrem Umzug nach Kabul erlebte sie eine andere Form der Distanz, nun als „Iranerin“. Heute arbeitet sie in Deutschland und dreht dort einen Film über Afghanistan. Aus persönlicher Perspektive wirkt eine solche Biografie komplex und widersprüchlich. Für das Kino kann eine Position jenseits klarer nationaler Zugehörigkeiten jedoch produktiv sein. Gerade in Momenten kultureller Verschiebung entstehen oft eigenständige Perspektiven und eine präzisere, unverwechselbare künstlerische Stimme.