Film

Minari: Die Kraft der koreanischen Wurzeln.

Minari ist die Wasserkresse. Unprätentiös und unkompliziert, wächst sie fast überall und ist in der koreanischen Küche sehr beliebt. Ihre Samen bringt Soon-ja aus Korea ins ferne Arkansas, zu ihrer Tochter und deren Familie, zu denen sie zieht, um sich um die Enkelkinder zu kümmern. Minari schlägt Wurzeln und bringt reiche Triebe hervor, was man über die Ernte des Familienoberhauptes Jacob Yi (der koreanische Star Steven Yeun ist vor allem durch die Filme “The Walking Dead” und „Burning“ bekannt) nicht unbedingt sagen kann. Als echter Idealist bearbeitet er mit viel Mühe das Brachland, um sein neues Zuhause in einen blühenden Garten zu verwandeln. Er ist nicht allein: Auf der Suche nach dem amerikanischen Traum wandern jedes Jahr 30.000 Koreaner in die Vereinigten Staaten aus, aber immer häufiger rutschen sie in den gesellschaftlichen Abgrund. Weit weg von zu Hause vermissen sie am meisten ihre Heimatküche. Jacob will sie mit koreanischem Essen beliefern, sobald sein Gemüseanbau funktioniert. Dennoch lassen weder das Wetter noch die Lage am Agrarmarkt auf eine glückliche Zukunft für seine Familie hoffen. Wir schreiben die 1980er-Jahre. Jacob und Monica haben zwei Kinder, Anna und David. Der Regisseur Lee Isaac Chung erzählt diese Geschichte aus der Perspektive von David, seines jüngeren Ichs.

David (Alan Kim) and Anne (Noel Cho) ©Melissa Lukenbaugh / Prokino / A24

Die Metapher von „Minari – Wo wir Wurzeln schlagen“ drängt sich auf. Migranten müssen so sein wie Minari und jeder Witterung trotzen, bei Regen und Dürre wachsen, sonst werden sie nicht überleben, weil fremder Samen nunmal in einem fremden Land nie so gut gedeiht wie einheimischer. Der Film setzt diese zentrale Idee auf einzigartige Weise um: Die Ereignisse türmen sich zu einer Alltagstragödie, aber es steckt kein Funke Pathos darin. Der naive Blick eines Kindes verwandelt das Drama in einen leichten und streckenweise auch lustigen Film für Erwachsene. Aber das Wissen um Davids Herzkrankheit begleitet den Zuschauer und lässt seine unschuldigen Entdeckungen und Eindrücke in einem anderen Licht erscheinen.

Seine Mutter (Han Ye-ri) lehrt David, nachts zu beten, damit er – falls etwas Schlimmes passiert – im Himmel aufwachen wird. Dieses Nachtgebet ist kein zufälliges Detail, denn der religiöse, fast schon mystische Unterton zieht sich durch den ganzen Film. Zunächst besucht Familie Yi eine Kirchengemeinde, von der sie sich Unterstützung erhofft. Allerdings helfen weder Psalmen noch Predigten, Katastrophen alttestamentarischen Ausmaßes zu bewältigen – und diese reichen von Tornados bis hin zu Bränden. Jacob schlägt das Angebot eines Scharlatans aus, verlässt sich auf seine Intuition und gräbt einen Brunnen. Er findet Wasser, seine Pflanzen können bewässert werden. Doch plötzlich versiegt die Wasserquelle, was die Zukunft der Familie gefährdet. Nicht umsonst leiht sich der Familienvater seinen Namen vom biblischen Patriarchen Jakob, der mit Gott gekämpft und darunter gelitten hat.

Jacobs Gehilfe bei der Arbeit auf dem Feld ist ein Verrückter namens Paul (Will Patton), dessen Namen sicher ebenso wenig zufällig gewählt wurde. Er beschreitet jeden Sonntag mit einem selbstgebauten Kreuz auf den Schultern seinen eigenen Kreuzweg. Dies ist eine unverhohlene Vorwegnahme der Prüfungen, die Jacob und seiner Familie bevorstehen. Ein anderes Attribut von Paul ist jedoch nicht minder wichtig: Er ist ein Veteran des Koreakrieges. Der Regisseur betrachtet Amerika nicht nur mit den Augen eines Migranten, sondern erinnert auch an die die schmerzliche gemeinsame Vergangenheit der beiden Länder.

Steven Yeun als Jacob, Yeri Han als seine Frau Monica und Youn Yuh-jung als die Großmutter Soonja © Melissa Lukenbaugh / Prokino/ A24

Dank dem Film lebt der Regisseur Lee Isaac Chung seinen amerikanischen Traum auch selbst. Kurz vor Beginn des Projekts war er nämlich so weit, seine Regie-Karriere nach mehreren erfolglosen Filmen aufzugeben und einer Lehrtätigkeit an der Universität nachzugehen. Er wollte nur noch ein letztes Drehbuch schreiben und ein Herzensthema erzählen, nämlich die Erinnerungen aus seiner Kindheit. Plötzlich wurde der Film beim Sundance Film Festival ausgezeichnet und ging weiter ins Oscar-Rennen, bekam sechs Nominierungen, und schließlich eine Auszeichnung für Yoon Yeo-Jeong als „beste Nebendarstellerin“.