Film

Ein Filmfestival ohne roten Teppich.

März statt Februar, fünf Tage statt zehn und ganz ohne roten Teppich: Dieses Jahr werden die Internationalen Filmfestspiele in Berlin im virtuellen Format abgehalten. Zuschauerpremieren sind in physischer Form in Juni geplant.

Bis Dezember war die Welt noch fast in Ordnung. Trotz Ausgangsperren, Quarantäne und anderen bereits gewohnten Einschränkungen wartete die Filmwelt noch voller Hoffnung auf die 71. Ausgabe des Filmfestivals Berlin, das bis dahin noch nicht in seiner physischen Form abgesagt wurde.

Die bittere Wahrheit wurde aber bald darauf bekannt, die Berlinale soll im März nur für die Leute der Filmindustrie und ohne Zuschauer online stattfinden. Das Publikum wird dann die Filme im Juni in Berlin sehen, und wo sich die Presse anschließen sollte, war auch lange unklar. Anfang Februar wurde dann bekanntgegeben, dass Journalisten zum üblichen Akkreditierungspreis am Event online teilnehmen können, allerdings nur fünf Tage statt zehn, ohne Pressetermine, wie Konferenzen und andere ähnliche Veranstaltungen.

Der britische Schauspieler Dan Stevens im Interview

Die Presseabteilung stellt lediglich einige Links zur Verfügung, über die man Filme ansehen kann. Am 11. Februar, dem Tag, an dem den Stars ursprünglich der Rote Teppich vor dem Berlinale-Palast ausgerollt werden sollte, sah die Filmwelt bloß zwei nüchterne Moderatoren auf dem YouTube-Channel der Berlinale, die Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und den künstlerischen Leider Carlo Chatrian. In knappen 23 Minuten wurde das Programm des Festivals vorgestellt. Die übliche Frage-Antwort-Sektion wurde einfach weggelassen. Die Fragen waren wohl unerwünscht, weil es ja darauf auch keine Antworten gab. Zur einzigen größeren internationalen Premiere wurde der Film „The Mauritanian“, die aber auch nur bedingt als Premiere bezeichnet werden kann. Gleich am Tag nach der Programmankündigung startete der Hollywoodschinken bereits in den Kinos weltweit. Im Film wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der von der US-Regierung als vermeintlicher Terrorist 14 Jahre gefangen gehalten und gefoltert wurde. Die Rolle der Wahrheitssucherin wurde mit Jodie Foster besetzt.

Fabian oder Der Gang vor die Hunde © Hanno Lentz / Lupa Film

Das Programm dieses Festivals erwies sich als eher düster, aber nicht ohne interessante Projekte, die hauptsächlich von lokaler europäischer Bedeutung sind. Der Hauptwettbewerb zeigt vier Filme deutscher Regisseure. Dominik Graf stellt den Film „Fabian: Geschichte eines Moralisten“ nach der Vorlage des gleichnamigen Romans von Erich Kästner vor. Die Ereignisse finden gegen Ende der 1920-Jahre vor dem Hintergrund der Weimarer Republik in Berlin statt. Der Protagonist Fabian, ein Philologie-Doktorand erlebt unglückliche Liebe, Arbeitslosigkeit, Sexabenteuer und die Ermordung seines besten Freundes. Hier geht es um eine Epoche der europäischen Geschichte voll mit Konsum, Populismus und Oberflächlichkeit, die wohl die Zuschauer an unsere Zeiten erinnern wird. „Herr Bachmann und seine Klasse“ ist eine Dokumentation von Maria Speth, die von einer Schulklasse in Hessen handelt, in der Jugendliche aus zwölf Nationen zusammenkommen. Obwohl die Schüler verschiedene religiöse, sprachliche und kulturelle Hintergründe haben, vermittelt ihnen der Lehrer echte Werte und arbeitet gegen Ausgrenzung.

Dan Stevens in “I am Your Man” © Christine Fenzl

Maria Schrader ist im deutschsprachigen Raum vor allem als Schauspielerin durch Filme von Deni Levi bekannt. Als Regisseurin dreht sie nun ihren fünften Film mit dem Titel „Ich bin dein Mensch“. Die Geschichte stellt eine Wissenschaftlerin vor, die sich auf ein außergewöhnliches Experiment einlässt, sie wird drei Wochen mit einem Roboter verbringen. Das Besondere ist, es handelt sich um einen künstlichen Mann, der sehr gut aussieht und charakterlich genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist, der rundum perfekte Partner also. Der Film untersucht die Frage, ob sich zwischen Mensch und Maschine Liebe entwickeln kann und ob diese eine Zukunft hat.

Daniel Brühl and Peter Kurth in “Nebenan” © Amusement Park Film GmbH 2020

Ähnlich wie Schrader hat auch Daniel Brühl seine Karriere als Schauspieler gestartet, allerdings mit mehr Erfolg, weil wir ihn oft auch in internationalen Produktionen, mal mit Jessica Chastain in „The Zookeeper’s Wife“, mal in der Marvel Studio-Produktion „Captain America: Civil War“ und natürlich auch in solchen Blockbustern wie „The Bourne Ultimatum“ oder „Inglorious Basterds“ gesehen haben. Nun dreht der 42-jährige Schauspieler seinen ersten Spielfilm „Nebenan“. Es fängt fast autobiographisch an und so heißt auch sein Protagonist Daniel, der als Filmstar großen Erfolg genießt und tolle Gagen einstreicht. Daniel lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in einer schönen Wohnung in Berlin und soll nun in London für ein großes Hollywood-Projekt vorsprechen. Auf dem Weg zum Flughafen kommt er an  seiner Stammkneipe vorbei, trifft dort einen seltsamen Mann, der sein Leben bis in die intimsten Details zu kennen scheint. Der Filmstar fängt an, ich Sorgen um seinen Erfolg und Leben zu machen. Der Zuschauer kann darauf gespannt sein, ob es auch Daniel Brühl auf dem Höhenpunkt seiner Karriere ähnlich geht. Der Film ist aber kein Thriller, sondern eine schwarze Komödie. Wer weiß, vielleicht liefert sie einige Antworten darauf.

Jérémie Renier in “Albatros” © Guy Ferrandis

Die Franzosen sind mit zwei Filmen im Wettbewerb vertreten. Die vor kurzem entdeckte Regisseurin Céline Sciamma kehrt in „Petite Maman“ zu ihren Lieblingsthemen Familie, Kinder und Übergangsriten zurück. In „Albatros“ von Regisseur Xavier Beauvois spielt Jérémie Renier einen Polizisten, der sich während eines Selbstfindungstrips mit philosophischen und existenziellen Fragen befasst. Ein weiterer Cop-Film kommt aus Mexiko, gedreht von Alonso Ruizpalacios. Er zeigt die chaotischen Straßen von Mexiko, wo das Leben eines Polizisten zwischen Fiktion und Realität schwankt.

Raúl Briones in “Una película de policías” © No Ficcion

Das asiatische Kino wird vom Koreaner Hong Sang-soo und seinem japanischen Kollegen Ryusuke Hamaguchi repräsentiert. Als Stammgast der Berlinale und mehrfacher Gewinner entscheidet sich Hong Sang-soo nun für einen Dreh in Berlin. Er folgt einem jungen Mann, der versucht, sich angesichts der Wünsche und Erwartungen seiner Eltern zurechtzufinden. Sein herausragender Kollege aus Japan ist demgegenüber mit dem Schicksal einer Frau beschäftigt, über die er mit einem gewissen Maß an Romantik, Pessimismus und Mystik spricht.

“Wheel of Fortune and Fantasy” by Ryusuke Hamaguchi © 2021 Neopa / Fictive

Der rumänische Regisseur Radu Jude, ein Berliner Silberbär-Gewinner für sein Drama „Aferim!“ aus dem Jahr 2015, kehrt mit seinem neuesten Werk „Bad Luck Banging oder Looney Porn“ zum Berliner Wettbewerb zurück. Der Film erzählt die Geschichte einer Lehrerin, die ihre Berufung ganz woanders findet, nachdem ein persönliches Sexvideo zufällig im Internet veröffentlicht wurde. Die libanesischen Filmemacher Joana Hadjithomas und Khalil Joreige Maia geben mit „Memory Box“ ihr Berlin-Debüt. Das Drama spielt in Montreal und zeigt eine alleinerziehende Mutter, die mit den Erinnerungen an ihre Vergangenheit konfrontiert wird – wie sie als Teenager den libanesischen Bürgerkriegs der 1980er-Jahre überlebte.

Michelle Pfeiffer and Lucas Hedges in “French Exit” © Tobias Datum / Sony Pictures Classics

Zu den Höhepunkten der Berlinale außerhalb des Wettbewerbs zusammen mit „The Mauritanian“ gehört der Titel von Azazel Jacobs ‘French Exit“ mit Michelle Pfeiffer und Lucas Hedges, „Sprachunterricht“ von Natalie Morales, in dem sie neben Mark Duplass mitspielt, und Lina Roesslers Komödie „Bestseller“ mit Aubrey Plaza, Cary Elwes und Michael Caine. Die neue Musikdokumentation der Regisseure Dan Lindsay und T. J. Martin über die legendäre Soul- und Rocksängerin Tina Turner wird ebenfalls als Berlinale Special uraufgeführt.