Film

Das Cannes Filmfestival ist endlich da und verspricht, spannend zu werden.

Seit mehr als zwei Jahren warteten die Organisatoren der Filmfestspiele Cannes darauf, eine neue Ausgabe des Festivals zu organisieren. Letztes Jahr wurde das Event wegen der Covid-Pandemie abgesagt, dieses Jahr aus gleichem Grund um zwei Monate verschoben. Nun wurde im Juni das Festivalprogram angekündigt. Das erste Juli-Festival (von 6. bis 17. Juli) findet während einer noch nicht beendeten Epidemie statt und bietet ein reichhaltiges Programm, gut gefüllt mit Namen, die zu hören und lesen man sich lange gesehnt hat.

“The French Dispatch” von Wes Anderson © 2021 20th Century Studios

Das amerikanische Kino wird mit „The French Dispatch“ von Wes Anderson präsentiert – obwohl der Film in Angouleme, Frankreich gedreht wurde. Die Besetzung ist traditionell überladen mit Stars wie Adrien Brody, Tilda Swinton, Christoph Waltz, Frances McDormand, Owen Wilson, Timothy Chalamet und Bill Murray. Der Film wurde zusammen mit Jason Schwartzman, Hugo Guinness und Roman Coppola entwickelt und spielt im Auslandsbüro einer amerikanischen Zeitung in einer fiktiven französischen Stadt des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen drei Geschichten, in denen die Berichte aus der Zeitung zum Leben erweckt werden. Der Filmautor nennt sein neues Werk einen „Liebesbrief an alle Journalist:innen“. Ebenfalls aus den USA kommen Sean Penns „Flag Day“ und Sean Bakers „Red Rocket“. „Flag Day“ beruht auf den Memoiren der US-Amerikanerin Jennifer Vogel, die über ihre Kindheit an der Seite ihres kriminellen Vaters berichtet. Der Vater wird vom Regisseur Sean Penn selbst dargestellt, seine 30jährige Tochter Dylan übernimmt die Rolle von Jennifer Vogel.

“Benedetta” von Paul Verhoeven © Guy Ferrandis / SBS Productions

Ein weiterer Festivalliebling und Provokateur, der 82-jährige Niederländer Paul Verhoeven, zeigt “Benedetta” − ein Drama über eine lesbische Nonne, die im 17. Jahrhundert in Italien lebt. Sein letzter Film “ELLE” mit Isabelle Huppert als Frau der Stunde wurde vor fünf Jahren bei den Filmfestspielen von Cannes gezeigt und sorgte für kontroverse Diskussionen. “Hero” heißt das neue Werk von Asgar Farhadi, dem einzigen Iraner, der je mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Keiner der genannten Regisseuren hat jemals den ersten Preis, die Palme dOr in Cannes erhalten.

Gleichzeitig befinden sich drei bereits etablierte Preisträger der Goldenen Palme im Wettbewerb. Der Italiener Nanni Moretti präsentiert „Tre Piani“ zwanzig Jahre nach dem Triumph seines “La Stanza del Figlio” im Wettbewerb. Der Innovator aus Thailand Apichatpong Weerasethakul drehte seinen neuesten Film “Memoria” in Kolumbien mit Tilda Swinton in der Hauptrolle. Der Franzose Jacques Audiard kommt nach Cannes mit dem Drama “Les Olympiades, Paris 13e“. Drei jungen Frauen und ein Mann zeigen uns, was die moderne Liebe heute bedeutet. Generell ist die französische Präsenz ungewöhnlich stark. Neue Filme zeigen François Ozon („Tout s’est bien passé“), Bruno Dumont („France“), Mia Hansen-Love (“Bergman Island”), Emmanuelle Bercot („De Son Vivant“) und Julia Ducournau (“Titane”), deren Horrordebüt “Raw” Cannes vor einigen Jahren erschüttert hat.

“The Story of My Wife” von Ildikó Enyedi © Hanna Csata

Zu den diesjährigen möglichen Palme dOr-Kandidaten gehören Ildikó Enyedi aus Ungarn, deren Drama „On Body and Soul“ mit dem Goldenen Bären in Berlin ausgezeichnet wurde. Cannes hat diese Regisseurin einst entdeckt und freut sich über ein Wiedersehen, jetzt mit der Adaption des ungarischen Klassikers “Die Geschichte meiner Frau”, in der die Französin Léa Seydoux die Hauptrolle spielt (Seydoux wird auch in den Filmen von Dumont und Anderson zu sehen sein sowie im neuen Bond-Film). Ein weiterer Gewinner der Berlinale, der Israeli Nadav Lapid (“Synonymes”) bringt seinen neuen Film “Ahed’s Knee” nach Frankreich. Vor drei Monaten wurde bei den Berliner Filmfestspielen ein lyrisches Drama des japanischen Filmemachers Ryusuke Hamaguchi, „Wheel of Fortune and Fantasy“, mit dem Grand Prix ausgezeichnet. Sein nächstes Werk „Drive My Car“ basiert auf einem Roman von Haruki Murakami und läuft im Wettbewerb.

“Petrov’s Flue” von Kirill Serebrennikov © Hype Film

Das diesjährige Programm umfasst mehrere Filme aus Russland. Zuerst eine Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Alexei Salnikov “Petrovs in the Grippe“, gedreht von Kirill Serebrennikov nach eigenem Drehbuch. Ein weiterer Film aus Russland, „Delo“ von Alexei German, Jr. erzählt über den Hausarrest eines Intellektuellen, der von einer korrupten Regierung verfolgt wird. Der zweite Film von Alexander Sokurovs Schülerin und Alexander Rodnyanskys Protegé Kira Kovalenko heißt „Unclenching the Fists“. Dies ist ein Faulkner-inspiriertes Drama über Freiheit. In Cannes wird Muratova mit besonderer Ungeduld erwartet, weil man sich immer noch an den spektakulären Erfolg eines anderen Sokurov-Studenten, nämlich Kantemir Balagov, erinnert.

“Annette” von Leos Carax © CG Cinéma International

Die Rückkehr von Leos Carax, dessen vorheriger Film “Holy Motors” vor neun Jahren gezeigt wurde, ist ein echtes Geschenk! Sein neues Werk „Annette“, ein englischsprachiges Musical mit Adam Driver und Marion Cotillard, eröffnet die Filmfestspiele am 6. Juli. Die amerikanische Rock-Gruppe „Sparks“ hat dazu das Drehbuch, die Texte und die Musik geschrieben; das Spektakel soll atemberaubend sein. Carax ist übrigens ein weiteres allgemein anerkanntes Genie, das in Cannes noch nie mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. Vielleicht wird dieser Fehler nun korrigiert.