Film

Vor und hinter der Kamera. Ein Interview mit Natalie Portman.

An einem sonnigen Nachmittag sitzt Natalie Portman vor mir auf der Terrasse des Hotels Martinez in Cannes und nippt genüsslich an ihrer Tasse grünen Tee. Alles scheint irgendwie richtig an ihr, fast ideal: Ihr einfach geschnittenes Kleid von Lanvin, dessen helles Türkis so gut zum Meer im Hintergrund passt, tadellos sitzende schwarze Stilettos von Dior. „11 Zentimeter hoch“, rechne ich in meinem Kopf. Die schwarzen Bänder ihrer Schuhe passen zum sparsamen Schmuck: Nur Ohrringe und ein Ring. Sorgfältig nach hinten gekämmte Haare und dezentes Make-up betonen ihre regelmäßigen Züge.

Und auch privat und beruflich scheint Natalie Portman alles richtig gemacht zu haben. Es macht den Eindruck, als ob alles in ihrem Leben zum passenden Zeitpunkt geschieht. Am 9. Juni 1981 in Israel geboren, zog Natalie Portman drei Jahre später mit ihren Eltern nach New York, wo sie mit elf Jahren von einem Model-Coach entdeckt wurde. Früh genug erkannte sie, dass dieser Weg sehr steinig sein kann und gab ihn zugunsten der Schauspielerei auf. Es hat sich gelohnt. 1994 spielte sie in „Léon – Der Profi“ von Luc Besson an der Seite von Jean Reno und wurde bekannt. Drei Jahre später lag auch der Broadway ihr zu Füßen, als sie 1997 die Rolle von Anne Frank auf der Bühne übernahm. Aber der frühe Erfolg als Schauspielerin ist Portman nicht zu Kopf gestiegen. Mit 18 Jahren wusste sie, dass es auch ein Leben fernab vom Ruhm der Traumfabrik gibt. Sie lässt alles stehen und liegen, um 1999 nach Harvard zu gehen und an der Eliteuniversität ihren Abschluss in Psychologie zu machen. Nach dem Abschluss folgten weitere Rollen in Produktionen wie „Star Wars“, „Garden State“, „Hautnah“ und „Freundschaft Plus“ und natürlich in „Black Swan“, wo sie eine Tänzerin des New York City Ballett spielt.

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Portman ist nur 29 Jahre alt, als sie den Oscar für ihre Rolle in Darren Aronofskys Tanzfilm bekommt und ihren Freund, den Franzosen Benjamin Millepied, der zwei Jahre später ihr Ehemann wurde. Das Paar traf sich am Set von „Black Swan“, wo Millepied ihr Choreograph war. Zu ihrem 31. Geburtstag ist sie bereits Mutter eines kleinen Jungens namens Aleph. Sie zieht mit ihrer Familie nach Paris und lebt bis diesen Sommer in der französischen Hauptstadt, wo ihr Ehemann als Tanzdirektor des Pariser Opernballetts arbeitet. Portman steht weiterhin vor der Kamera, nun auch für renommierte Modehäuser wie Dior. Als ausgebildete Psychologin hat sie vielleicht früher als andere verstanden, dass Schönheit von der Zeit nicht verschont bleibt. Vielleicht war das einer der Gründe, warum sie eine zweite Karriere als Regisseurin begonnen hat. Für ihr Debüt wählt sie nicht weniger als das autobiografische Buch „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ des renommierten israelischen Autors Amos Oz, der vor Portman bereits einem Dutzend anderer Filmemacher für die Verfilmung absagte.

Mit ihrer saften Art bekommt Portman grünes Licht von Oz und erhält die Rechte auf sein Werk. Es ist Oz‘ persönlichster Roman. Darin erzählt der Schriftsteller von seiner Kindheit und Jugend in den 1940-er- und frühen 1950-er-Jahren in Jerusalem, sein Leben in einem Kibbuz, in den er zog, nachdem sich seine Mutter das Leben nahm. Portman zieht nach Israel um, schreibt ihr Drehbuch in Tel Aviv, wo sie auch die Produktionsdetails klärt und filmt anschließend in Jerusalem, das sowohl ihre als auch Oz‘ Geburtsstadt ist. In ihrem Erstlingsfilm spielt sie auch die Hauptrolle, nämlich die geistig verwirrte Mutter des Schriftstellers.

Aber damit hat sich Natalie Portman nur einen Traum erfüllt. Vor kurzem hat sie die ersehnte Chance bekommen, auch in Frankreich vor der Kamera zu stehen. Sie spielt die Hauptrolle im Film „Planetarium“ der Französin Rebecca Zlotowski und erwartet nun ihr zweites Kind. Auch zum richtigen Zeitpunkt.

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Wie kamen Sie zur Regie?

Ich wollte Filme drehen, als ich zum ersten Mal das Set betrat. Ich war von der Rolle des Regisseurs fasziniert, einer Person, die sozusagen am Steuer sitzt und hunderte von Personen anleitet. Das Buch von Amos Oz habe ich etwa vor zehn Jahren entdeckt. Seitdem hat mich die Idee, daraus etwas Eigenes zu machen, nicht mehr losgelassen. Wissen Sie, wenn man als Schauspieler ans Set kommt, ist man verpflichtet, die Version einer anderen Person zu liefern, dem Regisseur zu dienen. Natürlich, wenn ein Schauspieler das Glück hat, kann er zumindest wählen, ob er mit diesem oder einem anderen Filmemacher arbeiten will. Ich habe dieses Glück. Doch auf der anderen Seite der Kamera zu stehen finde ich spannender, weil man so viele Menschen dazu motivieren muss, eine eigene Sicht der Dinge zu entwickeln. Keine einfache Aufgabe, dafür aber eine sehr stimulierende. Am meisten habe ich gestaunt als meine Crew mich ständig fragte:„Wie können wir Ihnen helfen, Ihre Version zu zeigen?“. Nun, genau das macht einen guten Film aus, wenn so viele Menschen sich selbstlos für eine gemeinsame Idee zur Verfügung stellen.

War es schwierig, sich in den Mittelpunkt zu stellen und über hunderte von Menschen zu „regieren“?

Jetzt, wo gerade alles vorbei ist, kann ich es Ihnen ja verraten. Ignoranz ist das Schlüsselwort. Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt oder mehr Erfahrung gehabt, hätte ich Angst bekommen. Aber ich wusste von nichts. Das Buch war eine unglaublich intelligente Quelle und hat meine Arbeit oft gerettet. Immer, wenn ich mich verloren fühlte, lass ich den Roman von Oz von vorne und habe darin etwas gefunden, was mich motivierte, weiterzumachen.

Was faszinierte Sie besonders an der Geschichte?

Im Roman von Amos Oz geht es um seine Familie sowie um die Gründung des Staats Israel. Es gibt keine Seite in diesem Werk, auf der er nicht die Schönheit von Büchern lobt und ihre Bedeutung betont. Es ist faszinierend, wie er mit Worten spielt und aus alten neue bildet. Obwohl sein Werk mich lange begleitete, fand ich immer wieder etwas Neues, was auch der Veränderung in meinem eigenen Leben entsprach. Nachdem mein Sohn zur Welt kam, habe ich besonderes Augenmerk auf die Beziehung zwischen Mutter und Sohn gelegt. Ein anderes Mal staunte ich, was für eine humanistische, tolerante Person Amos Oz doch ist, der die anderen Menschen mit allen ihren Schwächen versteht und akzeptiert.

Amos Oz wollte lange keine Rechte für sein Buch verkaufen. Wie konnten Sie ihn überzeugen?

Es war tatsächlich so, dass Amos mehrere Produzenten und Drehbuchschreiber abgewiesen hat. Die meisten von ihnen kamen mit einer fertigen Version des Skripts zu ihm. Er mochte es überhaupt nicht, wie die Autoren seine Geschichten interpretierten. Als ich ihn traf, hatte ich nichts in der Hand, bloß die Idee, wie genial seine Geschichte ist und wie toll es wäre, sie zu zeigen. Ich glaube, er erkannte, dass ich mit seinem Buch sensibel umgehen würde. Er war nicht vorsichtig oder zurückhaltend, im Gegenteil, sehr offen, fast naiv. Er sagte zu mir: „Ich vertraue dir meine Geschichte an, aber unter zwei Bedingungen. Bitte versuch nichts zu erklären, insbesondere, warum meine Mutter sich umgebracht hat. Dafür gibt es vielleicht Millionen Gründe, aber den einen wahren werden wir nicht mehr erfahren. Und noch was. Das Buch ist bereits geschrieben. Es gibt keinen Bedarf, es ein zweites Mal zu schreiben. Nimm die Geschichte, schaffe deine eigene Version“. Mehr wollte er nicht sagen und hat sich nie eingemischt. Er ist einer der großzügigsten und sensibelsten Personen, die ich je in meinem Leben traf.

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Sie spielen auch die Hauptrolle in Ihrem Film. War es nicht besonders schwierig, gleichzeitig vor und hinter der Kamera zu stehen, gerade beim eigenen Regiedebüt?

Zuerst wollte ich, dass eine israelische Schauspielerin die Rolle der Mutter übernimmt. Doch meine Geldgeber mochten diese Idee überhaupt nicht. „Ein Debüt, nicht kommerziell und dabei ohne Stars? Wie soll das gehen?“, haben sie mich gefragt. Und so musste mich als einzigen Star für mein eigenes Regiedebüt verkaufen. Ich weiß nicht, warum ich selbst nicht darauf kam, zumindest aus Spargründen (lacht). Ich glaube es liegt an uns Frauen, wir sind zu eitel. Männer sind in diesem Fall unkomplizierter und natürlich weniger kritisch mit sich selbst als wir Frauen. Ich erinnere mich an eine Ausstellung von Cindy Sherman, in der ich gesehen habe, wie sie sich selbst zur Schau stellt. Ich dachte mir dabei: „Sieh sie doch an, als sie diese Fotos machte, was sie jünger als du und ohne diese falsche Scham! Es geht doch um den Ausdruck ihrer Selbst. Daran ist nichts Falsches!“ Während meiner Regiearbeit lernte ich, mich selbst zu beherrschen, diese unnötige Selbstkritik nicht auszuüben und meine Eitelkeit vor anderen zu verstecken.

Wie haben Sie damals Ihre Arbeit und Ihre Familie unter einen Hut gebracht?

Wir drehten in Israel und ich wollte meinem Sohn immer schon meine Heimat zeigen und ihn meiner Familie und meinen Freunden vorstellen. Das alles wäre nicht ohne meinen wunderbaren Mann Ben möglich gewesen. Er nahm langen Urlaub und reiste mit mir mit. Während ich am Drehort war, kümmerte er sich um unseren Sohn. Zum Schluss liebte er unseren Aufenthalt in Israel und meinte, beim nächsten Mal soll ich wieder keine Rücksicht auf die Familie nehmen (lacht).

Hatten sie auch keinen Platz, als Sie sich eine zweijährige Pause nahmen, um Ihren Sohn zu Hause zu betreuen?

Was glauben Sie, wie ich mich zu Hause langweilte, vor allem, als mein Sohn etwas selbständiger wurde! Ich bekam so einen Arbeitshunger, dass ich mich bei erster Gelegenheit in die Arbeit stürzte.

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Und wie war es, zum ersten Mal einen Film mit einer französischen Regisseurin zu drehen?

Sie werden mir nicht glauben, aber nach 25 Jahren meiner Filmkarriere drehte ich zum ersten Mal mit einer Frau. Und ich dachte zuerst, es sieht alles so normal aus. Ob Mann oder Frau spielt doch keine Rolle. Und dann habe ich verstanden, dass Rebecca als Frau mich besser versteht. Sie begriff schnell meine reservierte Art und meine gewisse Schüchternheit, die ich immer versuche zu verstecken. Sie fing plötzlich an, sehr gemein zu mir zu sein und mich mit Wörtern zu provozieren. Sie hat mich manchmal sehr verärgert, fast zum Weinen gebracht. Später habe ich verstanden, dass sie mich damit an meine Grenzen bringen wollte, um aus mir Emotionen herauszuholen, die eine bessere Schauspielerin aus mir machen. Ein Mann hätte das wahrscheinlich nicht geschafft. Und es war natürlich genial, in Paris zu drehen, ganz nah bei meiner Familie.

Als Ihr Mann ein Job im dortigen Nationaltheater bekam, sind Sie nach Paris umgezogen. Wie war Ihr Leben in der französischen Hauptstadt?

Paris ist ja nicht das Ende der Welt, sondern ein ganz zivilisierter Ort, daher war mein Umzug nichts Außergewöhnliches. Später habe ich allerdings verstanden, dass der Unterschied zwischen New York und Paris doch sehr groß ist. In Paris lernte ich, mich selbst besser zu verstehen.

Was haben Sie über sich selbst herausgefunden?

Zum Beispiel, wie amerikanisch ich doch bin (lacht). Davor dachte ich immer, ich sei ein Weltbürger.

Inwiefern sind sie amerikanisch?

Ich lache zu viel, ich mag es, mich bequem kleiden. Zum Beispiel trage ich gerne im Winter „UGGs“ – eine absolute Schande für eine Pariserin! Sie kann nur mit Absatz und Heels überleben. Also passe ich wohl wenig zum Begriff „Pariser Chic.“

Und das sagt das „Face“ von Dior, das gerade in Lanvin gekleidet vor mir sitzt?

Dass ich Natalie Portman bin, wissen nur wenige in Paris. Keiner jubelt und winkt dort bei meiner Erscheinung. Wenn es aber gelegentlich doch passiert, dann sind diese Leute mit Sicherheit amerikanische Touristen (lacht).

Was mögen Sie noch an Paris, außer Ihrer Unauffälligkeit?

Paris ist voller Leben, vor allem im kulturellen Bereich. Das merkt man hier bereits in Kleinigkeiten. In der Straße, in der ich lebe, gibt es gleich drei Buchhandlungen, eine verkauft polnische Bücher, die zweite hat sich auf Wissenschaft spezialisiert und die dritte hat den Fokus auf Kunst und Geschichte. In New York haben wir diese Kultur längst verloren. Doch in Paris steht auch der kleinste Laden unter dem Schutz des Staates. Das ist genial!