Film

Süchtig, gewalttätig und unberechenbar: Modernes Indien in den Augen unabhängiger Filmemacher.

Auf dem diesjährigen Filmfestival in Mumbai – JioMAMI 2017 – wurden elf Filme im Wettbewerb „India Gold“ gezeigt. Die meisten von ihnen drehten sich um Vergewaltigung, Drogen und das Kastensystem. Doch die meisten Preise gingen an den Film „Village Rockstars“, der die Schönheit auch in einer hoffnungslosen Situation fand. Wir trafen die Regisseurin des Filmes Rima Das zu einem exklusiven Interview.

Noch nie sprachen die indischen Filmemacher so offen darüber, wie es im realen Leben aussieht. Die Darstellungen unterscheiden sich wie der Himmel und die Erde von Filmen aus der Traumfabrik Bollywood.

Devashish Makhija, der bis jetzt hauptsächlich Kurzfilme drehte, zeigte in seinem ersten Spielfilm „Granny“, wie ein 10-jähriges Mädchen brutal vergewaltigt wird, eine Tatsache, die die Familie des Mädchens oder die Justiz wenig beschäftigt. Nur die alte und kranke Großmutter eilt ihrer Enkelin zur Hilfe und übt blutige Rache am Täter. Es mangelt der Produktion an nichts: Story, Kamera, Schnitt und Performance – alles ist intakt. Vielleicht geht der Film aber preismäßig leer aus, weil Blut und Gewalt in Nahaufnahme in diesem Ausmaß nicht allzu ästhetisch erscheinen. Ein ähnliches Thema spricht der Film „Sexy Durga“ von Sanal Kumar Sasidharan an. Der südindische Regisseur wundert sich, warum in einem Land, in dem es so viele Göttinnen (Durga, Lakshmi, Gayatri, Parvati) gibt, Frauen immer noch ohne den nötigen Respekt behandelt werden.

@Mumbai Film Festival

Einen gleichermaßen rührenden wie experimentellen Film präsentiert der ehemalige Assistent von Vishal Bhardwaj und Anurag Kashyap Shlok Sharma. Er erzählt, wie ausweglos eine Jugend in der Großstadt Mumbai sein kann, egal, ob die Heranwachsenden arm oder reich sind, sie alle versinken in Gier, Sucht und einer hoffnungslosen Zukunft. Der Film wurde komplett auf dem iPhone gedreht.

Und übrigens gibt es auch Slums in Goa. In einem von ihnen lebt Santosh, der sich gegen Plantagenbesitzer Juze durchsetzt, damit er seine Schule täglich besuchen kann. „Juze“ von Miransha Naik zeigt einen Jungen, der viele Hürden überwinden muss, um eine normale Kindheit, eine Mahlzeit auf den Tisch und ein improvisiertes Dach über den Kopf zu haben.

Eine ausgezeichnete Vorstellung liefert Manoj Bajpayee im Film des Regie-Debutanten Dipesh Jain „In the Shadows“. Im Film geht um den alten Stadtteil Delhi, wo hohe Wände Verbrechen und Gewalt verdecken.

Indien ist als Land der wunderschönen Textilien bekannt. Wie diese tatsächlich produziert werden, zeigt die Dokumentation „Machines“ von Rahul Jain. Der Film entstand im Staat Gujarat, wo der Regisseur die Fabriken und ihre Arbeiter, aber auch ihre Chefs filmte. Die Zuschauer erfahren zwei Seiten der Wahrheit und der Zuschauer darf sich selbst seine Meinung bilden. Der Film von Jain wurde für den Preis „Silver Gateway“ vom Mumbai Filmfestival nominiert.

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Den ersten Preis „Golden Gateway“ sichert sich Rima Das mit „Village Rockstars“, einer Geschichte aus einer Region, in der Überschwemmungen jedes Jahr für Hunger sorgen. Das nimmt den Menschen allerdings nicht den Mut. Es ist ein Land, wo Kinder zusammen mit Erwachsenen arbeiten, von ihren Eltern geschlagen werden und doch nicht verlernen, zu träumen. Aber was vor allem in Rimas Film auffällt, ist die Schönheit auch im Kleinen (Natur, Landschaft, ein spielendes Kind), die den Film beherrscht und nicht das schwere Leben und die Gewalt.  Vielleicht erhielt der Film „Village Rockstars“ aus diesem Grund Nominierungen gleich in drei Kategorien: als bester Film im Wettbewerb von „India Gold“, in der Kategorie „Gleichbehandlung der Geschlechter“, und dem  Preis der jungen Filmkritiker. Im exklusiven Gespräch erzählt Rima über ihren Film und ihren Lebensweg. 

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Rima, erzählen Sie, wie Ihre Karriere in der Filmindustrie anfing?

Mein Vater war ein einfacher Lehrer aus Assam, einer der ärmeren Region Indiens, die dafür reich an Kultur ist, insbesondere, was traditionellen Tanz oder Performance anbetrifft. Meine Eltern wollten, dass ich Lehrerin werde und sie haben viel Druck auf mich ausgeübt: ich sollte die beste Schülerin sein. Und ich war es auch. Ich habe allerdings lieber getanzt (am allerliebsten Bihu), im Theater gespielt und gesungen. Ich habe meinen Abschluss in Soziologie an der Universität in Pune gemacht. Mumbai war nah und eines Tages sagte ich meinen Eltern: „Meine Pflichten als Tochter habe ich erfüllt, einen Abschluss gemacht, jetzt lasst mich bitte etwas anderes ausprobieren“. In Mumbai wollte ich eine Schauspielerin werden, doch wenn ich Hindi sprechen anfing, haben die Leute mich ausgelacht. Eine andere Person hätte es vielleicht mit Humor genommen, doch nicht ich. Ich war gewöhnt, überall die Beste zu sein, daher fiel ich in eine Depression. Ich wusste, dass die Filmindustrie irgendwo in der Nähe war, aber habe keinen Zugang in die Szene gefunden. In Mumbai habe ich meine Seele verloren, aus mir wurde eine besorgte Frau. Der Kampf ums Überleben machte mich neurotisch und eingeschränkt. Alles drehte sich im Kreis und ließ keinen Platz für Kreativität. Eines Tages habe mich entschieden, den Kreis zu durchbrechen und nach Hause zu fahren.

 

Was hat sich zu Hause verändert?

Zurück in meinem Dorf, habe ich meiner Mutter beim Kochen zugesehen, mit meinen Freunden gesprochen und ich wurde allmählich entspannter. Ich fühlte mich wieder voller Energie. Es war die Zeit, als Netflix und digitale Plattformen aktiv wurden und die Regisseure in die Szene kamen, die mit einer halbprofessionellen Kamera Filme drehten und sogar ein Publikum erreichten. Ich sagte mir: „Warum mache ich nicht dasselbe?“. Einmal, bei einem Kurzfilm, in dem ich gespielt habe, habe ich dem Regisseur zugesehen, wie er eine winzig kleine Kamera steuerte. Die Kamera war klein, dafür war das Ergebnis groß. Ich habe mir die gleiche Kamera gekauft, ging in mein Dorf und fing an zu filmen. Mein erster Kurzfilm über ein pubertierendes Mädchen wurde für das Filmfest in Chicago und noch für zwei weitere Festivals ausgewählt. Das hat mir einen Namen verschafft. Und ich merkte, ich bin diesmal auf dem richtigen Weg.

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Wie kam die Idee von „Village Rockstars“?

Der Film ist eine Fortsetzung meines Kurzfilmes über ein Mädchen, das wie ein Schmetterling lebt, auf Bäume klettert, mit Jungs rumhängt und rudert, aber eines Tages  bekommt sie ihre Periode und ihr ganzes Leben verändert sich von einem Tag auf den anderen. Dieses Mädchen, das bin eigentlich ich. Ich habe mich auch meinen Eltern widersetzt, als sie mich zu Hause einsperren wollten, deshalb wurde ich von meiner Mutter jede Woche geschlagen. Aber nicht nur in dieser Phase meines Lebens, auch vorher, weil ich nie gehorchte und für alles meinen eigenen Kopf hatte. Dazu kam noch, dass ich ein Mädchen in meinem Dorf traf und ihre Freunde, die auf selbstgemachten Gitarren spielten.

 

Für diesen Film haben Sie alles allein gemacht, vom Dreh bis zum Schnitt. Was war die größte Herausforderung?

Ich habe einen Drehbuch geschrieben, Schauspieler besetzt, die Ausrüstung besorgt, die Produktion gemacht, gedreht und geschnitten. Die größte Herausforderung war, die Menschen zu organisieren, die Dorfkinder. Zuerst waren ihre Eltern neugierig, aber sehr bald schon wieder gleichgültig. Als ich monatelang mit meiner Kamera herumlief – die Produktion hat ja insgesamt 2,5 Jahre gedauert – waren diese Eltern verärgert und ablehnend. Sie haben angefangen, sich Sorgen um ihre Kinder zu machen. Sie fragten sich: „Was macht diese verrückte Frau mit unseren Kindern? Warum vergeudet sie ihre Zeit?“. Doch nachdem die Eltern erfahren haben, dass der Film in Indien und im Ausland auf den Festivals läuft, waren sie wieder begeistert. Alle meinen jungen Darsteller wollten auf einmal in die Filmindustrie.

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Welches Publikum hoffen Sie mit Ihren Filmen zu gewinnen?

Ich glaube, das Problem liegt nicht am Publikum, sondern anderen Umständen. Ich kenne das unabhängige iranische Kino, trotz der schmalen Budgets gibt es genügend Zuschauer, die diese Filme gerne sehen. In Assam haben wir nur wenige Leinwände, die hauptsächlich die Filme aus Bollywood zeigen. Doch die überfüllten Säle bei MAMI oder in Toronto zeigen, dass auch Filme wie meine gerne gesehen werden, dass das Publikum in Indien ebenfalls bereit für unabhängige Filme ist. Mit Netflix, Amazon und zahlreichen digitalen Plattformen ist die Situation noch besser geworden. Wichtig wird nicht die Größe des Budgets, sondern welche Geschichte ein Film erzählt.

 

Die Filme aus dem Iran müssen nicht mit dem größten Studiosystem der Welt – Bollywood – konkurrieren, Ihre Filme schon.

Sie haben Recht. Allein darüber nachzudenken, macht mir Angst. Es gibt genügend Beispiele, wo talentierte Filmemacher einen Film drehten und aufhörten, weil sie die Konkurrenz nicht schafften. Das ist der Grund, warum ich alles alleine mache. Vielleicht werde ich nicht jedes Mal den Erfolg wie mit „Village Rockstars“ haben oder nicht immer passende Themen finden. Aber in meiner Arbeit geht es nicht um eine Einschätzung oder Erfolg. Ich liebe es, Filme zu drehen. Diese Kreativität kommt von innen. Sie begeistern mich und hoffe ich in der Lage zu sein, auch mein Publikum zu begeistern.