Film

Raman Raghav 2.0: Inteview mit Anurag Kashyap

Das 34. Filmfest in München zeigt den Thriller Psycho Raman, der auf einer wahren Geschichte des berüchtigten Serienkiller Raman Raghav basiert ist. Davor haben wir ein Interview mit dem Regisseur Anurag Kashyap geführt.

Anurag Kashyap gehört zu den einflussreichsten indischen Filmemachern unserer Zeit. Er ist Regisseur, Produzent, Schriftsteller und Schauspieler und hat bereits in über 40 Filmen mitgewirkt. Die meisten von ihnen wurden auf den internationalen Filmfestspielern gefeiert. Für „Gangs of Wasseypur“ wurde er mit dem „Goldenen Leopard“ auf dem 57. Locarno Filmfestival ausgezeichnet. Nach Cannes wurden seine Produktionen wie „The Lunchbox“, „Masaan“, „Peddlers“ oder „Monsoon Shootout“ eingeladen. Die französische Regierung ehrte ihn 2013 mit dem Prestige-Orden der Künste und der Literatur (Ordre des Arts et des Lettres).

 

-Wie kamen Sie zu diesem Thema?

-Die Geschichte von Raman Raghav begleitete mich seit etwa 23 Jahren. Als ich meine Karriere anfing, arbeitete ich an einem kleinen TV-Film über einen Serienkiller. Das war im Jahr 1994. Damals stieß ich auf die Geschichte von Raman Raghav, der in den 1960-er-Jahren in Mumbai für eine Reihe brutaler Morde verantwortlich gemacht wurde. Er tötete 41 Menschen und wurde recht spät als geistig gestört diagnostiziert. Seitdem hat mich diese Geschichte nicht mehr losgelassen. Sie kehrte immer wieder zu mir zurück. Ich fühlte mich schon wie besessen und fragte mich ständig: „Wer ist dieser Raman Raghav tatsächlich? Ein sehr komischer und seltsamer Typ. Wie dachte er?“. Im Gefängnis, wo er saß, galt er als angesehener Mann und hat einige Notizen hinterlassen, die ich auch las, um ihn und seine Motivation zu verstehen.

 

-Sie versuchten also einen verrückten Mann mit einem gesunden Hirn zu verstehen. Ist das denn möglich?

-Anscheinend nur, wenn man selbst das Hirn verliert (lacht). Wir alle haben eine Moral, die uns vorantreibt. Auch Mörder haben eine, die allerdings verschoben ist. Aber haben doch nicht alle Täter eine verschobene Moral? Oder auch manche Politiker? Vielleicht gehen diese nicht auf die Straße, um Menschen zu töten. Oder sie gehen nicht selbst, die schicken andere und rechtfertigen sich für ihre Taten. Darüber ist auch mein neuer Film. Wie viele Menschen sterben angeblich aus religiösen Gründen? In meinem Land sind viele Menschen beispielsweise islamfeindlich geworden, und das ebenfalls wegen einer verschobenen Moral. Deshalb glaube ich nicht an Moral, weil man sie zurecht biegen kann. Und doch geht es auch nicht ohne. Mein Killer braucht keine Religion und keine Rechtfertigung zum Töten. Er bringt um, weil er so will, direkt und ohne Entschuldigungen.

 

-Wer soll einen Film wie diesen finanzieren?

-Als Vasan Bala vor sechs Jahren sein Drehbuch geschrieben hat, versuchte er seitdem eine Finanzierung zu finden. Irgendwann hat er verstanden, dass er nie Unterstützung findet und kam zu mir. Ich habe damals das Drehbuch umgeschrieben und den Charakter von Raman Raghav durch einen fiktiven Helden ersetzt. Den Film haben wir schließlich selbst finanziert und produziert. Aber diese Produktion war nicht teuer, es waren 500 000 Dollar und der Dreh hat etwa 5 Monate gedauert.

 

-Der Film spricht offen über Gewalt, das ist neu auf indischen Leinwänden…

-Gewalt war immer da. Es ist nichts Neues. Bis jetzt wurde sie aber glamourös gezeigt: starke Männer ringen um die Macht. Jetzt gibt es darin einen Bezug zur Realität. Und das wirkt beängstigend und abstoßend. Aber was soll man tun? Wenn wir in die Welt hinausschauen: überall ist Gewalt. Nur in der kleinen Welt der indischen Mittelschicht-Familien sollte alles anders ablaufen und kaschiert werden, so denkt man bei uns. Wenn man Probleme sieht, sollte man sie lieber verstecken und such bloß nicht damit konfrontieren. Was ich jetzt versuche, ist genau diese bequeme Haltung zu durchbrechen, diese scheinheilige Gesellschaft mit ihrer eigenen Realität zu konfrontieren.

 

-Welche Reaktionen erwarten Sie?

-Ich finde, es ist wichtig, die Leute zu stören. Nur dann werden sie anfangen, nachzudenken. Überall in der Welt manipulieren Menschen und sind manipulierbar. Sie werden gewalttätig und dies ohne jegliche Konfrontation. Ich will, dass in meinen Filmen die Leute ihre eigene Gewalt sehen, realistisch und nebenan. Wenn Sie übrigens genau hingeschaut haben, haben sie festgestellt, dass die Szenen der Gewalt off-screen sind, das heißt, ich deute sie nur an. Jedes Mal, wenn Ramanna tötet, fährt die Kamera zurück. Wir sehen keine blutigen Szenen im Film, diese sind ausschließlich in ihrem Kopf. Und das ist wichtiger Bestandteil des Filmes – Überzeugungskraft darüber, wie brutal die Gewalt ist.

Psycho Raman

-Stellen sie sich vor, dass Ihr Film von psychisch labilen Menschen angeschaut wird, welche Gewalt attraktiv finden. Was dann?

-In Indien glaubt man nicht an Psychologen. Man versucht, alles in der Familie zu lösen. Meine Leute haben viel zu lange unrealistische Filme konsumiert. Nun ist die Zeit gekommen, diese Gesellschaft zu stören! Eine psychologische Reaktion auf eine Gewaltaktion ist übrigens immer anders als die Aktion selbst. Das habe ich genau erforscht. Ich beschäftige mich schon seit einer Weile mit Psychologie. Sie besagt, wenn ein Killer seine Taten in Bildern sieht, findet er sie selbst abstoßend. Er wird nicht mal in eigene Fähigkeit zum Mord glauben. Ich meine, nicht, wenn sie ihm einen Superhelden und seine Gewalt zeigen, wo die Gewalt heroisiert wird. Sondern eine realistische Gewalt.

 

-Ein Polizist wird ebenfalls zum Killer. Ihn schützen jedoch seine Uniform und das Gesetzt. Wie wird wohl diese Aussage von offizieller Seite wahrgenommen?

-Offizielle Institutionen interessieren mich vorerst nicht. Ich warte auf ein Feedback seitens des Publikums. Natürlich werden auch Vertreter der Regierung den Film anschauen, wenn auch manche heimlich. Zum Glück wurde keine einzige Szene aus dem Film entfernt. In der indischen Zensur hat sich viel geändert, im positiven Sinne. Ich denke, dass sich die Beamte, die meinen Film anschauen, gestört fühlen und beunruhigt. Ich bin aber nicht schüchtern und erwarte solche Reaktion auf meine Arbeit. Ich hoffe, dass Menschen aufhören, sich als Geisel zu fühlen, dass sie sich nicht verstecken und nicht mehr so tun, als ob diese Tatsachen nicht existieren, oder dass sie einem anderen passieren. Manchmal denken wir, dass unsere Gesellschaft durch eine Naturkatastrophe vernichtet wird oder unsere technische Revolution. Ich denke, uns wird die Gewalt vernichten, besonders die politisch motivierte und unterstützte Gewalt. Es bringt uns jetzt schon um.

 

-Haben Sie denn keine Angst, nach ihren Experimenten selbst umgebracht zu werden?

-Künstler sollten keine Angst haben, wenn sie ihre wahren Gefühle zeigen. Sie haben eine Aufgabe, nämlich die, darüber zu sprechen, was sie am meisten beschäftigt, auch wenn diese Themen „gefährlich“ sind. Ich wohne schon so lange in Bombay und ich möchte meine Heimat erforschen. Zu 99 % wurde Bombay bereits wie ein Märchen gezeigt. Jeder kommt her und sucht nach seinem Traum. Ich gehöre zu 1 % der Menschen, die sich nicht scheuen, diese Stadt auch als Alptraum zu zeigen. Die anderen 99 % brauchen doch auch eine Balance. Und diese zu leisten ist meine Aufgabe.