Film

Once upon a time … in Cannes.

Während die Wettbewerb-Filme über den Zweiten Weltkrieg, die Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und religiöse Feindseligkeit berichten, versammelten sich die glamourösen Gäste aus der Musik-, Film- und Sportbranche auf dem Roten Teppich des Theaters Lumière, um die 72. Ausgabe des Cannes Film Festivals zu feiern. Die Organisatoren des diesjährigen Festivals haben sich vorgenommen, verschiedene Geschmäcker zu befriedigen: Kinoliebhabern ernste Themen anzubieten und Sensationssuchende mit einer Show bedienen.

Hund ausgezeichnet, der Regisseur nicht.

Kurz vor dem Festival entstand die erste Aufregung wegen der Premiere des neuen Filmes von Quentin Tarantino „Once Upon a time in Hollywood“. „To be or not to be“ war dann für Leonardo DiCaprio und Brad Pitt bezogen auf den Roten Teppich in Cannes die „existenzielle“ Frage. Sie sorgte für rege Diskussionen in den internationalen Medien. Sie kamen und die Journalisten standen Schlange, um die Helden der Stunde von Nahem zu sehen.

Once Upon a Time in … Hollywood © Cannes Film Festival 2019

Diese konnten noch nicht ahnen, was die hart erkämpften Interview-Zusagen letztendlich bedeuten sollten. Statt Gespräche in einer kleinen Runde zu führen und der Möglichkeit, entspannt Fragen zu stellen, saßen etwa 20 Teilnehmer in jeder Gruppe Schulter an Schulter und konnten die größten Stars Hollywoods nur für wenige Minuten aus der Nähe sehen. Für Fragen gab es kaum Zeit. Die Kameras der Smartphones wurden vor dem Eintreten der Räume zugeklebt. Doch irgendwo kann man Tarantino verstehen. Schließlich hat seine Produktion fast 100 Mio. Dollar gekostet und daher sollte er natürlich aufpassen, mit wem und über was er spricht. Man sagt, der Film sollte für sich selbst sprechen, dennoch ist das hier nicht in diesem Fall. Außer bereits bekannten Themen und Methoden hat Tarantino nichts Neues zu seinem Werk beigetragen. Die einzige Sensation in Cannes war, dass der 56-jährige Regisseur erstmalig in Begleitung seiner Ehefrau auf dem Roten Teppich erschien. Diese ist seine erste Gattin, die beiden haben erst vor sechs Monaten geheiratet.

Premiere vom Tarantino’s Film in Cannes © Cannes Film Festival 2019

Sein Film bekam dann aber doch noch einen Preis in Cannes, den „Palm Dog Award“. Der Pitbull aus seinem Film wurde von der Jury als bester Vierbeiner für die „unglaubliche Leistung“ gelobt.

Schwarze Schafe in einer Glamour-Welt

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten haben die Journalisten erst kurz vor dem Festival erfahren, wer die Mitglieder der internationalen Jury sind. Man wusste zwar, dass Alejandro González Iñárritu das Team leitet, die anderen Juroren wurden jedoch bis kurz vor der Eröffnung geheim gehalten.

Bei offiziellen Veranstaltungen flirtet zwar der Festivalleiter, Monsieur Frémaux, gerne mit Journalisten: Diese seien (insbesondere die von ihm hoch geschätzte Printjournalisten) diejenigen, die das Filmfestival so berühmt gemacht haben. In der Realität hält er sie in Schach. Der Plan der Pressevorführungen wurde immer wieder geändert. Die Medienvertreter durften etwa eine Stunde vor der offiziellen Premiere die Pressevorführung sehen. Mit anderen Worten, während die Journalisten noch im Saal einen Film zur Ende anschauen, lassen sich die offiziellen Gäste samt Regisseur und Crew auf dem Roten Teppich fotografieren, bestens gelaunt, weil die Filmkritiker noch keine Zeit hatten, die Werke in sozialen Netzwerken zu zerlegen. Bei Premieren durften dann die Pressevertreter die letzten Reihen der Balkone besetzen, wo man kaum gelungene Bilder machen kann.

Zeiten der romantischen Politik …

In diesem Jahr konnten sich die Festivalgäste auf rege politische Diskussionen freuen, weil das Kino, auch wenn es als Massenkunst bekannt ist, immer noch von kreativen Köpfen gemacht wird. Und diese schufen ihre Werke gemäß dem Zeitgeist – der romantischen Politik, so der Festivalleiter Thierry Frémaux. Wie er sagt, erinnert ihn das diesjährige Festival an ein anderes, das für das Jahr 1939 geplant war und wegen des Ausbruchs des Krieges nicht stattfand. Damals sollte das Cannes Film Festival als eine Alternative zu den faschistischen Filmfestspielen von Venedig, einem Projekt des italienischen Diktators Mussolini, eröffnet werden. Vielleicht haben sich auch deswegen einige Filmemacher 90 Jahre später intensiv mit dem Thema „Krieg“ auseinandergesetzt.

The Hidden Life © Iris Productions

So brachte Terrence Malick, den bisher kein Journalist gesehen hat, seinen mystischen Film „The Hidden Life“ nach Cannes. Die Geschichte erzählt von einem österreichischen Bauern namens Franz Eggerstetter (August Diehl in der Hauptrolle), der in den Tiroler Alpen mit seiner Familie lebt und am Sinn  des Krieges zweifelt. Er will als Soldat nicht dem faschistischen Regime dienen und endet schließlich 1943 auf einer Guillotine. Der Film dürfte zu einem der besten Werke Malicks gehören, der bereits eine „Palme d’Or“ unter seinen Auszeichnungen hat. Endlich hat Malick eine Story zu erzählen, die auch auf poetische Art und Weise mit den Panorama-Landschaften und musikalischer Begleitung harmonieren. Starke Werte und die Bereitschaft, sich für diese einzusetzen werden gerade in unseren Zeiten sehr vermisst. Leider ging der Film bei Preisverleihung leer aus.

Den Regie-Preis haben aus unverständlichen, doch wahrscheinlich diplomatischen Gründen die belgischen Gebrüder Dardenne für „Young Ahmed“ bekommen. Der Film beschäftigt sich mit dem ziemlich abgedroschenen Thema des radikalen Islamismus in Europa. Dem Zweiten Weltkrieg widmet sein Werk der junge Russe und Schüler des legendären russischen Regisseurs Alexandr Sokurov Kantemir Balagov. Wie ein junger Mann von 27 sich Krieg und Nachkriegszeit  vorstellen konnte, bleibt ein Rätsel genauso wie, warum er in seinem Film „Beanpole“ gerade so eine langmütige Geschichte von zwei Frauen erzählt, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Leningrad kommen und dort versuchen, ihren Alltag zu meistern. In unserem Interview sagte er, dass ihn das Leben der damaligen Jugend interessiere, insbesondere die Menschen, die nie eine Jugend hatten. Für seine psychologischen Analysen sowie das markante Set-Design gab es für ihn einen Regie-Preis in der Parallelsektion „En Certain Regard“.

Beanpole © Cannes Film Festival 2019

Einen der schlechtesten Filme zeigte der Brite Ken Loach. Auch die aktuelle Thematik des Filmes, die Wirtschaftskrise hat die Premiere nicht gerettet. In „Sorry we missed you“ geht es um eine britische Arbeiterfamilie, frustriert von Geldmangel und sozialer Ungerechtigkeit. Vielleicht hätten sie ein leichteres Leben, wenn beide Elternteile nicht eine unvernünftige Entscheidung nach der anderen getroffen und ihre Kinder angemessen erzogen hätten. Der Film hat keinen Preis bekommen. Manche Medienkollegen haben jedoch am Festivalende darüber spekuliert, dass sie am letzten Tag wohl Kris Hitchen, der die Hauptrolle in Loachs Film spielte, auf der Croisette gesehen hätten, was normalerweise eine Preisvergabe bedeutet. Der Hauptdarsteller ist nämlich kein Schauspieler, sondern tatsächlich ein LKW-Fahrer, in seiner ersten und wohl einzigen Rolle.

Antonio Banderas © Cannes Film Festival 2019

Den Preis als besten Schauspieler hat zum Glück Antonio Banderas für seine Rolle in „Pain and Glory“ von Pedro Almodovar erhalten. In seinem Film erzählt Almodovar von einem Regisseur, der am Ende seiner kreativen Karriere steht. Banderas spielt diesen von Drogen und Depression beherrschten Helden. Er spielt leidenschaftlich und emotional und gewinnt. Schließlich hat er selbst fast vierzig Jahre gebraucht, um seinen ersten Preis in Cannes zu erhalten.

Die Show muss weitergehen …

Außerhalb des Wettbewerbs wurde ein umfangreiches Unterhaltungsprogramm angeboten. Dexter Fletcher ist es gelungen, die Biografie des Sängers und Komponisten Elton John in „Rocketman“ wiederzugeben. Der Film wurde in Anwesenheit des Sängers uraufgeführt. Dieses Projekt gilt bereits als Hit des Jahres und ist noch besser gelungen als „Bohemian Rhapsody“, welcher sich um die Karriere des Solisten der britischen Gruppe „Queen“, Freddie Mercury dreht.

Taron Egerton als Elton John in „Rocketman“ © Paramount Pictures.

Azif Kapadia schuf ein Portrait der argentinischen Fußballlegende Diego Maradona, die an der Côte d’Azur erwartet wurde, aber doch nicht erschien.

Vor fast sechzig Jahren drehte der Franzose Claude Lelouch den Film „Un homme et une femme“, der damals nicht nur die Palme d’Or, sondern auch zwei Oscars bekam. Der Film gilt als einziger Regie-Hit des Franzosen, deshalb versucht Lelouch ihn so oft wie möglich zu wiederholen.

Zwanzig Jahre später hat er eine Fortsetzung gedreht. Kaum zu glauben, aber dieses Jahr schaffte es der Regisseur, noch eine weitere Version mit denselben legendären Schauspielern Anouk Aimee und Jean-Louis Trintignant  auf die Leinwand zu bringen – 60 Jahre später! Der Titel lautet nun „Die besten Lebensjahre“. Die Premiere in Cannes rief viele nostalgische Erinnerungen wach und sorgte für Tränen.

Sterbt alle, Parasiten!

Die Welt ist ungerecht geworden. Ein Prozent der Weltbevölkerung soll in Reichtum leben, der Rest ist arm. Nach einer Vision des Koreaners Bong Joon Ho sind wir alle tatsächlich in zwei Klassen aufgeteilt – Menschen und Parasiten. Die Menschen leben in Designer-Villen auf den Hügeln von Seoul und können sich ein schickes Leben, Bedienstete fürs Haus und Privatlehrer für ihre Kinder leisten. Die Ärmsten sind dazu verurteilt, Parasiten zu sein, nicht, weil sie arbeitsunwillig sind oder keine Intelligenz besitzen, sondern weil das Leben eben ungerecht ist. Auch mit etwas Geschick und Lügen kann man sich nur kurz zu einem besseren Leben verhelfen, die Situation wird zum Schluss trotzdem außer Kontrolle geraten. Trotz der traurigen Tatsachen ist die Geschichte des Koreaners alles andere als traurig oder depressiv. Sie zeigt zwar das Schwere des Lebens, jedoch mit Leichtigkeit und Humor. Dafür gab es für ihn den ersten Preis, die goldene Palme d’Or – die zum ersten Mal in der Geschichte des Cannes Film Festivals nach Südkorea ging.