Film

Netflix or not Netflix?

In diesem Jahr geriet Venedig ins Kreuzfeuer. Nur zwei Regisseurinnen – Haifaa Al Mansour aus Saudi-Arabien und die Newcomerin Shannon Murphy aus Australien – durften bei der 76. Festivalausgabe um den Goldenen Löwen ringen. Die Einladung von Roman Polanski und Nate Parker nach Venedig machte das Ganze aus Gender-Perspektive noch problematischer, weil beide Kollegen einst wegen Sexualstraftaten vor Gericht standen. Netflix war wieder in Venedig und diesmal brachte das amerikanische Unternehmen sogar drei Filme mit. Während Cannes sich gegen die Filme des Streaming-Giganten sträubt und nun keine Filme im Festivalwettbewerb mehr zeigt, hat sich Venedig anders entschieden.

J’ACCUSE von Roman Polanski mit Jean Dujardin und Louis Garrel © La Biennale di Venezia 2019

Filmschaffende aus der ganzen Welt haben sich nun gefragt, ob das Festival in Venedig zu einem Schlüsselereignis in der Filmwerbung von Netflix wird. Zwei Dramen, „Marriage Story“ und „Laundromat“ haben um den Goldenen Löwen im Hauptwettbewerb gekämpft. „The King“ mit den Jungstars Timothée Chalamet und Lily-Rose Depp sorgte für Aufregung außer Konkurrenz. Die Qualität der Netflix-Produktionen war sehr anständig, die Geschichten spannend, ganz zu schweigen von der Schauspielerei all der berühmtesten und beliebtesten Stars der Welt. Branchen-Insider räumen sogar der romantischen Komödie „Marriage Story“ gute Oscar-Gewinnchancen ein, zusammen mit Todd Philipps „Joker“ und „Ad Astra“ weil Brad Pitt immer noch mehr zieht als der „Joker“-Darsteller Joaquin Phoenix.

Scarlett Johansson und Adam Driver in MARRIAGE STORY © La Biennale di Venezia 2019

„Marriage Story“, gedreht vom „Woody Allen der neuen Generation“ Noah Baumbach, erzählt von dem Künstlerpaar Charlie (Adam Driver) und Nicole (Scarlett Johansson), die mit ihrem fünfjährigen Sohn in New York leben. Was in schwierigen Zeiten von Kriegen und Hungersnöten wie ein lächerlicher Konflikt erscheinen würde, sieht heute ganz anders aus: Heute kulminiert das Ganze zu einem großen Drama mit Ego-Schlacht. Nicole fühlt sich von ihrem Ehemann zu abhängig oder hat das Gefühl, dass er ihre Wünsche nicht ernstnimmt. Sie zieht nach Los Angeles und bereitet sich auf eine TV-Serie vor. Charlie will weiter an seinem neuen Theater-Stück in New York arbeiten, doch muss nun zwischen West- und Ostküste pendeln, um seinen Sohn zu sehen. Die Trennung scheint erst ein Kinderspiel zu sein, bis auf Empfehlung einer Kollegin Nicole sich mit der Hollywood-Anwältin Nora (Laura Dern) in Verbindung setzt. Nun bekommt das Ereignis ganz andere Dynamik. Noah Baumbach hatte die Scheidung seiner Eltern in seinen Filmen bereits verarbeitet. Scarlett Johansson steckte während der Dreharbeiten mitten in ihrer eigenen. Die gleichzeitig lustige und traurige Geschichte zeigt sowohl den Regisseur als auch beide Schauspieler Adam Driver und Scarlett Johansson in Höchstform.

THE LAUNDROMAT mit Actress Meryl Streep © La Biennale di Venezia 2019

Mit „Laundromat“ beweist der Kultregisseur Steven Soderbergh, dass er über Eigenschaften wie rasche Auffassungsgabe, blitzschnelles Reaktionsvermögen und Experimentierfreude verfügt und so perfekt für neue Präsentationsformen für TV-Serien und Streaming-Dienste geschaffen ist. In seiner jüngsten Produktion mit zahlreichen Stars, darunter Meryl Streep, Antonio Banderas, Garry Oldman und Sharon Stone geht es um die korrupte Finanzpolitik in den USA, der wichtigsten „Geldwäscherei“ der Welt. Zwei Rechtanwälte, Jürgen Mossack (Gary Oldman) und Ramon Fonseca (Antonio Banderas), sind Betreiber eines panamaischen Offshore-Dienstleisters, der in einem weltweiten Geschäft der Steuervermeidung, Steuerhinterziehung und der Geldwäsche beteiligt ist. Das System gerät nach einem Unfall in Gefahr, bei dem eine ganz normale Frau (Meryl Streep) ihren Ehemann verliert. Sie setzt sich gegen korrupte Finanzstrukturen der oberen 2 %  ein und während sie eine Reise von New York auf die Karibik führt, klagt sie die Täter öffentlich an. Die Ereignisse basieren auf realen Quellen, darunter die berüchtigten Panama Papers.

Timothée Chalamet bei der Premiere in Venedig © La Biennale di Venezia 2019

Nach seinen Rollen „Call Me By Your Name“ und der Amazon-Produktion „Beautiful Boy“ stieg der 23-jährige Timothée Chalamet schnell zum begehrten Nachwuchsdarsteller Hollywoods auf. Nun wurde er für die Rolle des englischen Königs Henry V im historischen Drama „The King“ gecastet, das in Venedig Premiere feierte und ebenfalls von Netflix finanziert wurde. Neben Chalamet spielen auch Robert Pattinson und Lily-Rose Depp im Film mit. Die Story erzählt über den jungen Hall, der eigentlich dem royalen Leben den Rücken kehren will, doch durch den plötzlichen Tod seines Vaters schnell zum König von England gekrönt werden muss. Nun warten auf den unerfahrenen Herrscher zahlreiche Feinde, Kriege, gierige Höflinge und die Hochzeit mit einer französischen Prinzessin.  

Eine große Anzahl von Schauspielern, die Netflix in seinen Produktionen beschäftigte, erfreute die Fotografen in Venedig sehr, doch leider hatten die Kollegen aus dem Print-Journalismus überhaupt nichts davon. Nur die italienische Presse konnte an Mini-Konferenzen mit Stars teilnehmen, ausländische Journalisten wurden so gut wie nicht zugelassen.

Timothée Chalamet bei der Pressekonferenz © La Biennale di Venezia 2019

Die Organisation CICAE (International Confederation of Art Cinemas) übte Kritik am Festival, weil der freundliche Umgang mit Netflix sowie die Art, wie Netflix die Filme verleihe, entweder für den Zusammenbruch des Filmverleihs, wie wir ihn kennen sorgen könnte oder auch das Ende der klassischen Filmveröffentlichung bedeutet. „Das allgemeine Interesse an Filmen kommt erst nach dem besonderen Interesse eines starken Unternehmens und der kurzfristigen Vision eines Festivals zustande, das größtenteils aus öffentlichen Mitteln finanziert wird. Kleine Unternehmen sind verpflichtet, ihre Steuern zu zahlen, während multinationale Unternehmen Steueroptimierungen durchführen“, sagte François Aymé, der Präsident des französischen Zweigstelle von CICAE. Und hier sind wir gleich bei Soderberghs „Laundromat“. Amazon hat diesmal mit „Sieberg“ außer Konkurrenz bloß einen stillen Partner im Verbrechen gezeigt. Der Film mit Kristen Stewart in der Hauptrolle wurde gut aufgenommen und nicht mehr weiter diskutiert.

Preisverleihung in Venedig © La Biennale di Venezia 2019

Wahrscheinlich um die Kritiker zu beruhigen, wurden Netflix-Filme in Venedig schließich nicht ausgezeichnet, im Vergleich zum Goldenen Löwen für einen Netflix-Titel „Roma“ im letzten Jahr. Hoffentlich ist die diesjährige Lektion gut gelernt und das Programm im nächsten Jahr wird besser gewählt.