Film

Mostra di Venezia in Zeiten von Covid.

“Welcher Film hat am besten gefallen? Wer ist der Favorit?“ sind die am häufigsten gestellten Fragen auf einem Filmfestival. Am wichtigsten ist natürlich, wer den Hauptpreis bekommt. Meine Favoriten haben auf dem 77. Filmfestival in Venedig keine „Löwen“ bekommen.

Der 30-minütige Film „Human voice“ von Pedro Almodovar, frei adaptiert nach einem Stück von Jean Cocteau, ist mit nur einer einzigen Schauspielerin besetzt, nämlich Tilda Swinton. Die Handlung ist einfach. Zuerst sehen wir die Protagonistin, wie sie mit ihrem Hund einen Baumarkt betritt und eine Axt kauft. Danach kehrt sie nach Hause zurück, das wie eine aufgebaute Kulisse für eine Film- oder Theater-Produktionen in einer Industriehalle aussieht, und fängt an, einen auf dem Bett ausgebreiteten Männeranzug mit der Axt zu zerhacken. Sein Besitzer wird niemals erscheinen. Stattdessen ruft er die Frau an, die sich beinahe von ihrem Leben zu verabschieden versucht. Das Gespräch sowie die abschließende Kulmination machen den Inhalt des Filmes aus. Wer die Werke von Almodovar kennt, wird seinen Still sowie die Hand seines langjährigen Produktionsdesigners Antxón Gómez in der kunstvollen Einrichtung mit bunten Farben, an der Art und Weise, wie die orangefarbenen Handtücher zu den Fliesen im Badezimmer passen sowie an der getragenen Mode, wie die Stilettos in Leopardenmuster oder Streifen in Blau und Rot, erkennen. Wenn die Protagonistin ihrem ehemaligen Geliebten gesteht, dass sie zum Abendessen ausgegangen sei und später zugibt, dass sie kaum das Haus verlassen hatte, klingt es wie eine Resonanz auf die heutige Situation, etwa dass eine Welt außerhalb des Hauses nicht existiert und dass wir alle gerade in der Situation dieser Frau stecken, wenn auch nicht so stilvoll.

Tilda Swinton

Film stills “Human Voice”

© La Biennale di Venezia

Nach “Love in a Fallen City” und “Eighteen Springs” dreht die gefeierte Regisseurin Ann Hui erneut einen Film, basierend auf dem Werk der berühmten Autorin Eileen Chang. In “Love After Love” flieht die Studentin Weilong (Ma) aus Shanghai nach Hongkong, um sich dem Einfluss ihres Vaters zu entziehen. Sie steht vor den Toren einer luxuriösen Villa, die einer Madame Liang (Faye Yu), der Schwester ihres Vaters, gehört. Liangs Familie hat mit ihr gebrochen, weil sie sich entschied, die Geliebte eines wohlhabenden Geschäftsmannes aus Hongkong zu werden, anstatt einen Mann zu heiraten, den ihre Familie für sie ausgewählt hat. Nachdem sie all sein Geld geerbt hat, führt sie ein dekadentes Leben, reich an feiner Mode und teurem Schmuck, Partys, Teezeremonien und Cocktails, doch vor allem an Männern, hauptsächlich jungen und attraktiven. Einer davon ist der sorglose Erbe George Chiao (Peng), der die Aufmerksamkeit nicht nur der Tante gewinnt, sondern auch das Herz ihrer Nichte Weilong erringt. Leider ist George überhaupt nicht an einer Heirat interessiert, trotzdem kann Weilong diesen gutaussehenden Mann nicht vergessen.

Love after love © La Biennale di Venezia

Ann Hui gehört zum New Wave Cinema, welches sich der Realität des zeitgenössischen Hongkongs widmet und Kantonesisch als Umgangssprache wählt. Viele Kritiker bezeichneten „Love after love“ nach der Premiere in Venedig als „unlogisch und bloß zeitweise unterhaltsam“. Sogar die Musik des berühmten Ryuichi Sakamoto wurde kritisiert. Dieser Film ist jedoch ein purer ästhetischer Genuss mit meisterhaften Szenen des Hongkongs der 1930er-jahre unter dem Einfluss der britischen Kolonialherren, mit dem typischen Hedonismus und Lebensstil. „Love after love“ ist ein klassisches kinematografisches Erlebnis ohne Spezialeffekte oder Schnitt-Tricks, mit Fokus auf den menschlichen Beziehungen, schön und natürlich, wie man es aus dem klassischen Kino des letzten Jahrhunderts kennt.

Ein anderer von vielen Teilnehmern des Festivals gehasster Film war „Amants“ (Liebhaber) von Nicole Garcia. Der Film ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil geht es um eine hedonistische Liebesbeziehung in Paris, getragen von der Studentin Lisa und dem Drogendealer Simon, schön, leidenschaftlich, aber auch tragisch. Gleich zu Beginn der Handlung erwischt einer von Simons Kunden eine tödliche Überdosis und er flieht. In tiefer Verzweiflung sucht Lisa Trost in der Heirat mit dem reichen und etwas älteren Leo. Dieser Kapitel fängt an auf der wunderschönen Insel Mauritius, wo die lieb- und emotionslose Lisa mit ihrem Ehemann Urlaub macht und dabei Simon wieder begegnet. Im weiteren Verlauf sehen wir den dramatischen Höhepunkt und gleichzeitig die Erlösung für alle drei Protagonisten.

Pierre Niney und Stacy Martin in “Amants” © Roger Arpajou

Hauptkritikpunkt war für viele die mangelnde Originalität der Handlung: Ehebruch sei nicht aufregend und zwischen den Liebespaaren (Simon-Lisa und Lisa-Leo) herrsche keine Leidenschaft. Aber welche Neuigkeiten kann man von einer 74-jährigen Regisseurin erwarten, deren Schaffen vom letzten Jahrhundert geprägt wurde? Es ist, als würde man den 84-jährigen Woody Allen bitten, „Game of Thrones“ zu drehen. Vielleicht würde er das sogar tun, aber eben als Woody Allen. Von einem französischen Film erwarten man eher eine „ménage-à-trois“ und in dieser Hinsicht hat Garcia nicht enttäuscht, vor allem durch die Wahl ihrer Darsteller (Pierre Niney, Stacy Martin und Benoit Magimel). Etwas Neues gab es doch noch, wenn auch nicht im kinematografischen, sondern im gesellschaftlichen Kontext: Heute übersiedeln die reichen Franzosen in die Schweiz, und so entsteht eine interessante Spannung zwischen der Arbeiterstadt Paris und der zunehmend elitären Welt von Genf.

Dieselben Kritiker bemängeln, dass auch die Arbeit der 40 Jahre jüngeren Gia Coppola absolut keine neuen und originellen Elemente enthalte. Obwohl sich ihr Film „Mainstream“ so sehr bemühte, das ultramoderne Thema „soziale Netzwerke und ihre Einflüsse auf unsere Gesellschaft“ zu wählen und diese mit den neuesten visuellen Mitteln, darunter Snapchat- und Instagram-Filter zusammen mit Retro-Hip-8-Bit-Bildschirmgrafiken, zu gestalten. Trotz allem wurde der Schluss gezogen, dass „Mainstream“ die Strukturen hoffnungslos veralteter Filme der 1950er-Jahre verwendet. Der Film stand weniger den Einfluss von Elia Kazan, sondern hat etwas von Gias Tante Sofia Coppola und „The Bling Ring“. Als ich Gia daraufhin ansprach, scherzte sie „We are blood related“.

Filmdelegation von “Mainstream” in Venedig mit der Regisseurin Gia Coppola (rechts) © La Biennale di Venezia

Nur bei einem Film waren die Meinungen nicht so verschieden. Der Autor von „Wife of a Spy“, der Japaner Kiyoshi Kurosawa bekam einen „Löwen“ für die beste Regie. Die Ereignisse seines Filmes finden im Jahr 1940 statt. Der Protagonist Yusaku leitet eine Handelsfirma und erfährt während einer Geschäftsreise in die Mandschurei von einem Staatsgeheimnis. Er beschließt, der ganzen Welt – also vor allem dem Westen − von seiner Entdeckung zu erzählen, weshalb er des Hochverrats beschuldigt wird. Nur seine Frau glaubt ihm, obwohl ihr Glauben eher von ihrer Treue zum Ehemann als von ihren politischen Ansichten abzuleiten wäre. Sie will ihren Ehemann retten, selbst wenn sie ihn manipulieren und sein Leben in Gefahr bringen muss. In der Hauptrolle des Ehemannes sehen wir den berühmten japanischen Schauspieler und Sänger Issei Takahashi. Seine Frau wird von Yu Aoi gespielt, die bereits an anderen Produktionen von Kurosawa mitarbeitete. Die Handlung hält den Betrachter bis zum Schluss in Atem. Der Film zeigt wunderschöne pastellfarben-nostalgische Bilder ohne scharfe Schatten und seine Protagonisten tragen elegante Bekleidung und feine traditionelle japanische Kostüme.

Wife of a Spy

© La Biennale di Venezia

Die 77. Festivalausgabe (1-12. September 2020) erwies sich als etwas Besonderes, wenn man sie nicht gleich als „historisch“ bezeichnen möchte. Das liegt sicher nicht daran, dass die Biennale von Venedig seit Januar 2020 den neuen Präsidenten Roberto Cicutto hat. Obwohl bei der Auswahl der Filme keine Kompromisse gemacht wurden, herrschten in allen anderen Bereichen strenge Regeln und Kontrollen. So wurde beispielsweise jedem Festivalgast mehrfach am Tag die Temperatur gemessen, vor dem Eintritt zum Filmfestivalgeländes sowie vor dem Kino. Personen mit einer Körpertemperatur von über 37,5°C wurde der Eintritt verweigert. Der Zugang zum Gelände erfolgte an speziellen Stellen, die mit Wärmescannern und Ausrüstung für die medizinische Versorgung ausgestattet waren. Die Gäste wurden mit Kontaktverfolgungen überwacht und mussten sowohl drinnen als auch in allen Außenbereichen Masken tragen. Delegationen aus Ländern außerhalb der Europäischen Union mussten sich schon vor dem Verlassen ihrer Lände auf Covid-19 testen lassen. Ein zweiter Test erfolgte in Venedig unter der Aufsicht von Biennale-Mitarbeitern.

Als weitere Vorsichtsmaßnahme wurden während des Festivals mehrere Open-Air-Kinos eigerichtet. Die meisten Premieren für Filmliebhaber wurden nach außerhalb des Festivalzentrums verlegt und fanden nicht auf dem Lido, sondern in anderen Stadtteilen statt. Die akkreditierten Gäste mussten ihren Platz drei Tage im Voraus auf der Website der Biennale reservieren. Da die Hälfte der Plätze in den Vorführsälen wegen der Abstandsregeln nicht besetzt werden durfte, wurden Wettbewerbsfilme mehrmals wiederholt. Der Zugang zum “Roten Teppich” stand nur offiziell akkreditierten Filmdelegationen sowie Fotografen offen. War der Rote Teppich früher immer von Fans und Zuschauern belagert, war er diesmal von einer hohen Mauer umgeben, wobei das Geschehen in Echtzeit auf zahlreichen Bildschirmen rund um den Festivalpalast übertragen wurde.

Trotz extremer Vorsichtsmaßnahmen zeigte sich der künstlerische Festivalleiter, Alberto Barbera, optimistisch und bezeichnete sein Festival als “einen Hauch von Luft” für die Filmindustrie während der langen Monate der Ausgangssperre und abgesagten Premieren. Und das war es tatsächlich.