Kunst

Das Rätsel eines Bildes.

Die Ausstellung in der Neuen Pinakothek ist dem jüngst restaurierten Gemälde »Schleuse im Tal von Optevoz« gewidmet, das zur Dokumentation einer überraschenden, ungewöhnlichen Geschichte wurde.

Das Bild zeigt eine felsige Landschaft mit einem Schleusentor, ein Stück Natur aus dem ländlichen Frankreich, etwa 40 km von Lyon. Die nüchterne Auffassung der Landschaft und die pastose Ausführung der Felsen und des Wassers erinnern an Gustave Courbet (1819-1877). Die Signatur von Courbet hat dem Bild seit seiner Erwerbung für die Neue Pinakothek im Jahr 1909 einen festen Platz in der Courbet-Literaturgeschichte. Die Komposition des Bildes ist jedoch mit dem Werk von Charles-François Daubigny (1817-1878) verbunden, vor allem mit seinen Fassungen der „Schleuse im Tal von Optevoz“ in Rouen, die 1855 im Pariser Salon ausgestellt war.

In den 1990er-Jahren, bei einer Untersuchung des Gemäldes, kam eine weitere Signatur, nämlich von Daubignys zum Vorschein. Dieser Fund warf die Frage nach der Autorschaft auf. Weitere Untersuchungen haben ergeben, dass der etwas düstere Charakter der Landschaft hauptsächlich von einer Übermalung herrührt und nicht zum ursprünglichen Bestand des Bildes gehörte. Außerdem kamen weitere Funde zum Vorschein, zum Beispiel Streifen von Zeitungspapier, die als Randanstückung bei der Doublierung vor der Übermalung verwendet wurden, Seiten einer Pariser Tageszeitung mit Börsenkursen. In den lesbaren Fragmenten fanden sich auch Unternehmen und Aktiengesellschaften genannt, die erst ab den 1880er- und 1890er-Jahren an der Börse gehandelt wurden. Dann wurde es klar, dass die Veränderungen des Bildes um 1894 erfolgten, lange nach dem Tod von Courbet. Und so wurde ursprünglich ein echter Daubigny in einen falschen Courbet verwandelt.

Nun gehört aber das Gemälde zu jenen Werken der französischen Malerei in der Neuen Pinakothek, deren Erwerbung mit dem Namen Hugo von Tschudis verknüpft ist, dem legendären Direktor der Münchner Sammlungen. Zu den Werken, die Tschudi angekauft hat, gehören Manets „Le déjeuner“ und van Goghs „Sonnenblumen“. Hinzu kommt, dass das Gemälde aus einer renommierten Pariser Sammlung stammt: jener von Théodore Duret, dem namhaften Kunstkritiker, Autor und Sammler, einem Freund der Künstler, mit Courbet seit 1862 persönlich bekannt…

Die Ausstellung präsentiert neben dem restaurierten Gemälde der Neuen Pinakothek weitere Werke von Daubigny. Die große Version der »Schleuse« aus dem Musée des Beaux-Arts in Rouen sowie zwei weitere Fassungen des Motivs aus dem Louvre und der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe ermöglichen es, das Münchner Bild mit anderen für Daubigny gesicherten Versionen zu vergleichen.