Film

34. Filmfest München: Die besten Filme des Sommers.

Das 34. Filmfest München fand vom 23. Juni bis 2. Juli 2016 statt und zeigte 207 Filme aus 62 Ländern.  

Der zweitgrößte Filmfestival Deutschlands wurde mit dem Film „Toni Erdmann“ der ehemaligen Absolventin der HFF München Maren Ade eröffnet und mit dem US-Beitrag „Capitan Fantastic“ von Matt Ross mit Viggo Mortensen geschlossen. Beide Filme waren auch im diesjährigen Wettbewerb in Cannes zu sehen.

Die zwei wichtigen Preise gingen am 2. Juli bei der Abschlusszeremonie an den iranischen Film „The Salesman“ von Asghar Farhadi (ARRI/OSRAM Award) und an das französische Sozialdrama „Divines“ von Houda Benyamina (CineVision Award).

Award Ceremony @Filmfest München 2016

Award Ceremony @Filmfest München 2016

Das Filmfest München versprach, die besten Filme des Sommers zu zeigen. Diese fünf Filmproduktionen wurden zu meinen persönlichen Favoriten:

 

DESDE ALLE (dt. „Caracas, eine Liebe“) von Lorenzo Vigas

Desde allà @Filmfest München 2016

Desde allà @Filmfest München 2016

Darin geht es um den Zahntechniker Amando, einen Mann in seinen Fünfzigern, der auf der Suche nach hübschen Jungs die Straßen von Caracas durchstreift. Bald findet er den attraktiven und wilden Elder, einen Kleinkriminellen, von dem Amando sich zunächst masochistisch alles gefallen lässt. Kaum wird der Junge zahm und beginnt, seine Liebe auf seine Art zu zeigen, wird er vom feigen Amando verraten. Das meist langsame Tempo der Handlung, zahlreiche visuelle Überblendungen und monochrome Farben schaffen ein besonderes Portrait der venezolanischen Hauptstadt. Das Beste ist jedoch die Botschaft selbst, die besagt, dass die Menschen, unabhängig von ihrer Sehnsucht nach Liebe, kaum die Fähigkeit besitzen, sich zu verändern. Ein Feigling bleibt eben ein Feigling, so wie ein Wilder sich nie komplett zähmen lässt.

 

ABOUT LOVE (Про Любовь) von Anna Melikyan

About Love @Filmfest München 2016

About Love @Filmfest München 2016

Wenn es um die Liebe geht, hat man den Eindruck, dass in Moskau alles so bleibt, wie es bereits vor zwanzig Jahren nach der Perestroika war. Und diese Realität Russlands hat wenig gemein mit den romantischen Darstellungen aus dem 19. Jahrhundert, wie etwa der Liebe von Natasha Rostova aus Leo Tolstoys Epos „Krieg und Frieden“. Heute geht es um eine harte Konkurrenz zwischen Frauen, die um einen Mann ringen. Dafür sind alle Mittel gut: kosmetische Operationen, teure Kleidung, echte Waffen und sogar Schwarzmagie. Das Leben in einer Stadt, in der die Männer in der Minderheit sind und pro Kopf je fünf Frauen haben ist eben hart. Für die Frauen. Doch gerade sie offenbaren sich in dieser witzigen und flotten Komödie der russischen Regisseurin armenischer Abstammung als klug, wissenshungrig, verantwortungsvoll und flexibel im Vergleich zu dem infantil, unbekümmert, hinterhältig und unsicher dargestellten „starken“ Geschlecht. Es gibt noch eine wichtige Gestalt in diesem Film – die russische Hauptstadt selbst, sonnig, kosmopolitisch, schön und übrigens auch weiblich.

 

HAPPY HOUR (HAPPI AWA) von Ryukuke Hamaguchi

Happy Hour @Filmfest München 2016

Happy Hour @Filmfest München 2016

Vielleicht weil ich die Stadt Kobe kenne und auch ein paar Bäder in Arima-Onsen genossen habe, scheint mir diese poetische Geschichte von vier Freundinnen nah, spannend und rührend zu sein. Und als Ex-Bewohnerin von New York City mit Vorliebe für die berühmte TV-Produktion „Sex and The City“ fand ich die Struktur der japanischen Produktion sowie manche Themen der US-Serien sehr ähnlich. Zum Schluss wurde mir eben klar, dass die glamouröse Lebensweise der New Yorker Frauen im japanischen Umfeld kaum Bestand haben kann. Doch gerade darin liegt die Spannung.

 

L’ECONOMIE DU COUPLE (engl. After Love) von Joachim Lafosse

L'Economie Du Couple @Filmfest München 2016

L’Economie Du Couple @Filmfest München 2016

Ein weibliches Thema oder die Realität unserer westlichen Gesellschaft? Der Film erzählt ausnahmsweise nicht von der Liebe, sondern von der Zeit danach. Und deshalb ist er auch so wertvoll. Wo geht die Liebe hin? Aus dem Film „About Love“ habe ich ‚gelernt’, dass eine ‚biologische’ Liebe durchschnittlich 30 Monate dauert. Lafosse zeigt, wie es danach weitergeht, vor allem, wenn die einst Verliebten bereits ein gemeinsames Haus haben und ein paar Kinder in die Welt gesetzt. Marie und Boris befinden sich in einem Teufelskreis. Sie können einander kaum mehr ertragen, doch machen ihre finanziellen Verhältnisse sowie soziale Situation ihre Trennung praktisch unmöglich. Vielleicht ist diese Geschichte leichtsinnig Verliebten eine Warnung; vielleicht erspart sie ihnen künftige Katastrophen. Wer will, wird daraus lernen.

 

MOUNTAIN CRY von Larry Yang

Mountain Cry @Filmfest München 2016

Mountain Cry @Filmfest München 2016

Der chinesische Film hat keine geschlossene Handlung. Es handelt sich mehr um ein poetisches Essay, das in den atemberaubenden Taihang-Gebirgen stattfindet. Eines Tages taucht in einem abgelegenen Dorf eine seltsame Familie auf: ein Mann, seine stumme Frau und zwei Kinder. Der Mann ist brutal und unberechenbar. In mehreren Überblendungen wird gezeigt, wie er die Frau als Kind gestohlen hat, ihr die Zunge aus dem Mund herausgerissen und sie vergewaltigt. Seitdem leidet sie stumm an seiner täglichen Gewalt, bis sie einen Unfall einrichten kann, der für ihn tödlich ausgeht. Nun scheint sie ihre ersehnte Ruhe endlich gefunden zu haben und sogar eine neue Liebe. Doch das Glück bleibt von kurzer Dauer, weil dem kommunistischen Staat China keine Unfälle verborgen bleiben.